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Warum ein junger Schwede zu Anneliese Michels Grab pilgert

von Anneliese , 18.03.2019 10:06



Olof Dahl Bjurwill wundert sich: "Warum sind keine Leute hier?", fragt er. Der junge Schwede sitzt am Freitagmittag auf dem Klingenberger Friedhof auf der Umrandung des Grabes von Anneliese Michel. Heute sei doch ihr 40. Todestag, sagt er. Sie sei eine Heilige, wie die Frau, dessen Konterfei er neben dem Rosenkranz um seinen Hals trägt.
Der 27 Jahre alte Olof studiert in Stockholm Kirchenmusik, möchte später Priester werden, erzählt er. Seit Anfang Juni bis Ende Juli pilgert er durch Europa, hat schon die verschiedensten heiligen Stätten besucht, San Damiano, zum Beispiel. Olof öffnet seinen Rucksack und zieht eine Flasche mit Wasser heraus. Heiliges Wasser aus San Damiano. "Riech mal", sagt er, öffnet die Flasche und schnuppert.
Heute kommt er direkt aus Rom hierher auf den Klingenberger Friedhof. Olof will Anneliese Michel an ihrem 40. Todestag gedenken. Der jungen Frau, in die nach Überzeugung der damaligen Exorzisten sechs Dämonen gefahren waren. Der jungen Frau, die nach dem Glauben der Geistlichen auch für die Sünden der deutschen Jugend und der Priester gestorben war. Der jungen Frau, an der die Exorzisten mit Zustimmung des Würzburger Bischofs und ihrer Eltern in über 60 Sitzungen versucht haben, die Dämonen auszutreiben. "Sie muss irgendwann heilig gesprochen werden", sagt Olof und wundert sich wieder. Keine Pilgergruppen lassen sich hier an dem sonnigen Freitagmittag blicken, niemand besucht das Grab, außer ihm. Einige ältere Frauen, die gerade Blumen auf Gräbern gießen, blicken aus einigen Metern Entfernung in Olofs Richtung.
Olof fragt nach der Kapelle, die Annelieses Vater seiner verstorbenen Tochter zu Ehren auf dem Privatgrundstück der Familie hatte errichten und von einem auswärtigen Priester hatte weihen lassen. Die tiefgläubigen Eltern Annelieses – Anna und Josef – ließen sich ihre Überzeugung nie nehmen, dass ihre Tochter besessen gewesen und den Sühne-Tod gestorben war. Bis weit in die 1990er Jahre hinein und vermutlich noch während der 2000er Jahre pilgerten Wallfahrer in Bussen aus ganz Europa nach Klingenberg – erst zum Grab Annelieses, dann in die Privatkapelle der Michels.
Seit einigen Jahren ist die Privatkapelle geschlossen – das habe mit dem Tod von Annelieses Mutter zu tun, sagen mit dem Exorzismus von Klingenberg vertraute Personen. Anna Michel starb 2012. Spätestens seit dem soll es mit den Wallfahrern vorbei sein. Olof kann das nicht nachvollziehen.
Warum tut das hiesige Bistum nichts für das Andenken an Anneliese Michel?, überlegt er und schaut auf das Bild der Heiligen an seiner Kette neben dem Rosenkranz. Er glaubt fest an die Besessenheit der jungen Anneliese. In einer Studiumsarbeit hat er sich auch mit dem Thema Teufel beschäftigt. Er las ein Buch über den Exorzismus in Klingenberg, recherchierte im Internet. "Weißt du, wie der letzte Satz meiner Arbeit heißt?", fragt er. "Er heißt: Es gibt den Teufel."
Olof ist nicht katholisch getauft worden, sondern protestantisch. Der protestantische Glaube sei für ihn aber "unvollkommen". Auch deshalb verließ er die evangelische Kirche und trat der katholischen Kirche bei. Bei ihr fühlt er sich wohl in seinem Glauben an Gott, in seinem Glauben an das Gute und das Böse, den Teufel. Das eine sei ohne das andere nicht denkbar. Vielleicht schon in diesem Jahr will er sich zu seinem Studium als Kirchenmusiker in Stockholm der Ausbildung als Priester widmen. Und er will eine Oper schreiben, eine Oper im modernen klassischen Gewand, die sich Anneliese Michel und ihren sechs Dämonen widmen wird, erzählt Olof. "Luzifer, Judas, Nero, Kain, Hitler und ein gefallener Priester Fleischmann." Olof zählt die sechs Dämonen auf, die die Exorzisten vor 40 Jahren erkannt haben wollen. Olof kennt sie genau.
Jetzt und hier in Klingenberg wundert sich der junge Christ auch darüber, dass die Menschen, die er in der Stadt nach dem Weg zum Grab von Anneliese Michel gefragt hat, eher abweisend gewesen sind. "Weiß ich nicht", seien die Antworten gewesen. "Weißt Du, wie ich in die Kapelle für Annelieses komme?", fragt er. Dass diese geschlossen ist, mag er nicht wahrhaben. Er überlegt: Soll er dennoch versuchen, irgendwie zu der Kapelle auf dem Privatgrundstück zu gelangen? Vielleicht wird er einfach an dem Wohnhaus klingeln und nachfragen...
Von Klingenberg aus wird Olof weiter nach Leipzig reisen, nicht um dort Heilige zu verehren. Die Reise nach Leipzig spricht ihn als Kirchenmusiker an. Dort starb 1750 Johann Sebastian Bach. Zum Abschied dieses Zufallstreffens am Grab von Anneliese Michel winkt Olof. Noch fährt er an diesem Freitag nicht weiter nach Leipzig. Olof will die Kapelle sehen, unbedingt, von innen, von außen – die Kapelle, in der Anneliese Michel über Jahrzehnte von Gläubigen aus ganz Europa verehrt worden war.
https://www.main-echo.de/regional/kreis-...art3999,4151356

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