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Düsseldorf. Vielerorts steigt die Zahl der Corona-Neuinfektionen. Langsam, aber stetig. Das Robert-Koch-Institut ist besorgt, de

von St. Michael , 01.08.2020 17:17

Düsseldorf. Vielerorts steigt die Zahl der Corona-Neuinfektionen. Langsam, aber stetig. Das Robert-Koch-Institut ist besorgt, denn es zeichnet sich ab, dass einzelne Hotspots nicht mehr allein die treibende Kraft sind.
Proben für Corona-Tests werden im Diagnosticum-Labor in Plauen für die weitere Untersuchung vorbereitet (Archiv). © Hendrik Schmidt Proben für Corona-Tests werden im Diagnosticum-Labor in Plauen für die weitere Untersuchung vorbereitet (Archiv).

Wenn es ernst wird, hört man das in Lothar Wielers Stimme. Er spricht dann noch etwas langsamer als ohnehin schon. Seine Sätze sind kurz. Eindringlich. „Halten Sie Abstand“, mahnt Wieler. „Wir haben es selbst in der Hand.“ Der Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI) wirkt am Dienstag phasenweise etwas verzweifelt, etwa als er die Ergebnisse der aktuellen Cosmo-Studie vorstellt, wonach die Menschen die Gefahr durch das Coronavirus geringer einschätzen als noch vor einigen Wochen. Dabei deuten die Statistiken eher an, dass sich das Virus wieder mehr verbreitet. „Die neueste Entwicklung der Fallzahlen macht mir und allen im Robert-Koch-Institut große Sorgen“, sagt Wieler.

Viele Kreise in Deutschland melden seit Tagen neue Infektionen. Der Anstieg ist noch vergleichsweise schwach, doch es bahnt sich ein Trend an. Die Reproduktionszahl liegt seit Anfang Juli nicht mehr unter einem Wert von 1. Die Zahl gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter ansteckt. Bei einem Wert über 1 beginnt ein exponentielles Wachstum der Fallzahlen.

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Es ist in diesen Tagen nun wieder viel von der zweiten Welle die Rede, also von einem stärkeren Wiederaufflammen des Coronavirus. Es zeichnet sich immer mehr ab, dass das Infektionsgeschehen nicht auf einzelne größere Ausbrüche wie in etwa Schlachthöfen zurückzuführen ist, sondern dass überall in Deutschland neue Infektionsketten starten. Vor einem solchen Szenario hatte der Berliner Virologe Christian Drosten schon in den ersten Folgen seines Corona-Podcasts gewarnt. Irgendwann, sagte Drosten, werde sich das Virus in der Bevölkerung verteilt haben, womit es allseits zu neuen Infektionen kommen könne.

„Typisch für erste Wellen ist, dass das Virus von außen ins Land getragen wird, also beispielsweise durch Reisende und Urlauber“, sagt SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach: „In einer zweiten Infektionswelle infizieren sich die Menschen aus der Bevölkerung heraus, weil das Virus bereits überall grassiert. Infektionsketten sind dann schwieriger zu ermitteln, weil sie vielerorts entstehen können.“

Eine genaue Definition, wann eine zweite Welle nun begonnen hat oder erreicht ist, gibt es nicht. Dass Viren in Infektionswellen daherkommen, ist aber seit Langem bekannt. Das war schon bei der Spanischen Grippe so. Damals war die zweite Welle, die im Herbst 1918 begann, die todbringendste der insgesamt drei Wellen. Und auch bei anderen Ausbrüchen von neuen Grippeerregern war die zweite Welle oftmals die gefährlichste.

Neben dem breiten Infektionsgeschehen spielt auch die Jahreszeit eine Rolle. „Die kalten Monate werden den sich abzeichnenden Trend höchstwahrscheinlich noch verschärfen. Die Menschen sind dann mehr drinnen als draußen: In geschlossenen Räumen ist das Ansteckungsrisiko 20-mal höher“, sagt Lauterbach. Hinzu kommt eine gewisse Sorglosigkeit, die für mehr Infektionen verantwortlich sein kann. Die Risikowahrnehmung und Akzeptanz der Eindämmungsmaßnahmen sind auf das Niveau von vor dem Lockdown gesunken, heißt es in der von Wieler erwähnten Cosmo-Studie. 19 Prozent der Befragten halten es für wahrscheinlich, dass sie sich mit dem Coronavirus infizieren. Zudem wird das Virus zunehmend unter Reiserückkehrern identifiziert, schreibt das RKI in seinem aktuellen Lagebericht. Seit der 25. Meldewoche, als es erste Grenzöffnungen gab, steigt dieser Anteil. Die wichtige Frage, die sich aus alldem ergibt, lautet aber: Wie reagieren wir jetzt?

„Ich teile die Einschätzung des Robert-Koch-Instituts, dass wir am Beginn einer zweiten Welle stehen“, sagt Lauterbach. Tragisch sei dabei vor allem, „dass wir sie möglicherweise hätten verhindern können, wenn wir den Lockdown ein paar Wochen länger durchgehalten und konsequent Quarantänen und Tests nach Reisen eingeführt hätten“. Doch Bund und Länder waren sich weitgehend einig, dass es Lockerungen geben musste. „Ein erneutes Herunterfahren der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens verbietet sich jetzt, daher müssen andere Strategien gefunden werden, wie wir mit einer zweiten Welle zurechtkommen“, sagt Lauterbach.

Die Abwägung des Gesundheitsschutzes ist zentraler Bestandteil der sogenannten Hammer-and-Dance-Methode, die viele Staaten anwenden. Es ist eine langwierige Maßnahmenkombination, die eine Immunisierung der Bevölkerung durch Infektion hinauszögert, um das System zu keiner Zeit zu überlasten. Denn mehr Fälle insgesamt bedeuten auch mehr schwere Fälle. Zu Beginn der Strategie fällt der Hammer. Gemeint ist damit ein strenger Lockdown, mit dem Ziel, dass sich die Menschen räumlich voneinander distanzieren und das Virus damit weniger Gelegenheiten hat, sich zu verbreiten. Den Hammer haben wir bereits fallengelassen. In den vergangenen Wochen waren wir dann in der Tanzphase. Wir konnten uns wieder freier bewegen. Das Virus aber auch.

In seinem aktuellen Lagebericht schreibt das RKI: „In den letzten Wochen ist der Anteil an Kreisen, die über einen Zeitraum von sieben Tagen keine Covid-19-Fälle übermittelt haben, deutlich zurückgegangen.“ Noch Mitte Juni hatten in Deutschland rund

160 Landkreise in der Vorwoche keine Neuinfektionen gemeldet. Nun sind es nur noch knapp unter 100. In den Bundesländern Bayern, Bremen und Hessen liegt der Sieben-Tages-Wert leicht und in NRW und Berlin deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Wann Bund und Länder die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus nun wieder verschärfen, hängt davon ab, wann das selbst auferlegte Frühwarnsystem anschlägt. 50 bestätigte Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen: Auf diesen Grenzwert hat man sich geeinigt. Sollte er in einem Landkreis überschritten werden, müssen die Lockerungen der Coronavirus-Maßnahmen dort wieder zurückgenommen werden. Bayern hat diesen Wert sogar auf 35 Neuinfektionen gesenkt.

Bisher überschreitet bundesweit nur der bayerische Landkreis Dingolfing-Landau die Infektionsobergrenze. Dort kam es unter Erntehelfern auf einem Gemüsehof zu einem Corona-Ausbruch. Die hohen Fallzahlen rühren dort also von einem Hotspot her. Kritisch wird es, wenn der erste Landkreis die Marke überschreitet, ohne dass ein bestimmtes Ereignis dafür verantwortlich gemacht werden kann. Darauf zu achten, ist nun die Maxime.

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