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STANDARD: Wie schrecklich wird der nächste Winter?

#1 von Gertrud Anne ( Gast ) , 12.07.2022 09:10

STANDARD: Wie schrecklich wird der nächste Winter?

Kemfert: Der könnte nur dann schrecklich werden, wenn wir uns nicht rechtzeitig darauf vorbereiten. Vor allem müssen wir vier Dinge gleichzeitig angehen.

STANDARD: Als da wären?

Kemfert: Das Erste ist, dass wir uns in Europa aus möglichst vielen verschiedenen Ländern mit Gas versorgen. Es gibt Gas außerhalb Russlands, alles nur eine Frage des Preises. Der Einkauf muss solidarisch erfolgen, wir dürfen uns nicht gegenseitig das Gas wegschnappen.

STANDARD: Es gibt auf EU-Ebene das Vorhaben, Gas über eine Einkaufsplattform einzukaufen, nur es dauert.

Kemfert: Ich halte es für sinnvoll, dass man sich zumindest beim Einkauf koordiniert. Eine Einkaufsgemeinschaft wäre im Hinblick auf schwierige Lieferanten, insbesondere Putin, ein nächster Schritt. Liefert Russland kein Gas, muss sich Europa abstimmen, wie man solidarisch von anderswo Gas bezieht, damit alle sicher versorgt sind.

STANDARD: Der zweite Punkt?

Kemfert: Die zügige Befüllung der Speicher, dass die bis Herbst möglichst voll werden. Am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung plädieren wir seit über zehn Jahren für eine europäische Gasreserve. Deutschland und Österreich haben inzwischen ein Gesetz auf den Weg gebracht, das einen Füllstand von 80 Prozent bis 1. Oktober vorsieht; Deutschland geht noch weiter und schreibt 90 Prozent bis 1. November vor. Das ist sinnvoll.

STANDARD: Und was ist mit Energie sparen?

Kemfert: Das ist der dritte Punkt, Deutschland hinkt auch da hinterher. In puncto effizienterer Umgang mit Energie könnte längst überall noch viel mehr geschehen. Viertens müssen die erneuerbaren Energien schnellstmöglich ausgebaut werden. Worauf warten wir noch?

STANDARD: Welche Formen des Energiesparens wären sinnvoll?

Kemfert: Alle Formen; sparen, wo immer es geht, muss die Devise sein. Es gibt Low-hanging Fruits, beispielsweise in der Industrie. Indem Abwärme effizienter genutzt oder Energiemanagementprogramme implementiert werden, kann ohne viel Aufwand gespart werden.

STANDARD: Und privat?

Kemfert: Jede Gasheizung, die noch vor dem Winter ausgewechselt wird, ist Gold wert; jeder Verbrauch, der gedrosselt wird, ist wichtig. Bei Beziehern von Niedrigeinkommen geht es im Winter schlicht darum, ob sie sich Heizen überhaupt noch leisten können. Da braucht es Hilfen, damit Betroffene zumindest einen Raum warm bekommen.

STANDARD:Der frühere EU-Energiekommissar Günther Oettinger hat gemeint, lieber 18 Grad und zwei Pullis, als die Industrie geht vor die Hunde.

Kamfert: Ich würde das eine nicht gegen das andere ausspielen. Es gibt Prioritätenlisten von Unternehmen, die systemrelevant sind und deshalb im Notfall genug Gas bekommen sollen. Das kann man marktwirtschaftlich lösen – bei der Industrie mittels Auktionen und Energiesparprämien, bei den Haushalten, indem sie ebenfalls Geld bekommen, wenn sie Gas einsparen.

STANDARD: Sind die hohen Energiepreise nicht Weckruf genug für eine Verhaltensänderung?

Kemfert: Die Teuerung ist bei den Konsumentinnen und Konsumenten noch gar nicht voll angekommen, das dicke Ende kommt dort erst. Die Industrie hingegen spürt den Preisanstieg schon jetzt stark, reagiert durch Minderverbrauch und ruft lautstark nach Hilfen und einem Gaspreisdeckel. Das halte ich aber auch für gefährlich.
Kemfert hält den Tankrabatt in Deutschland für eine denkbar schlechte Idee.
Foto: imago / wolfgang maria weber

STANDARD: Inwiefern?

Kemfert: Man muss der Industrie helfen, aber helfen beim Energiesparen, nicht beim Energieverbrauchen. Mit der Subventionierung fossiler Energien muss endlich Schluss sein. Man kann fossile Preisexplosionen nicht wegsubventionieren. Aktionen wie der Tankrabatt in Deutschland sind ein Irrsinn.

STANDARD: Während der Staatsschuldenkrise und auch in der Hochphase von Corona schien Geld abgeschafft. Beim Klimaschutz scheint die Scheu viel größer, in die Vollen zu greifen?

Kemfert: Die Politik ist stark getrieben von fossilen Lobbyinteressen, die sehr laut sind und ihre Geschäftsmodelle aufrechterhalten wollen. In der Vergangenheit sind leider viele Fehlentscheidungen getroffen worden. Jetzt zahlen wir den Preis der verschleppten Energiewende.

STANDARD: Der Klimaschutz scheint wieder einmal das Nachsehen zu haben, weil es immer etwas Dringlicheres gibt: zuerst Corona, dann Krieg in der Ukraine und jetzt die Gaskrise?

Kemfert: Der Fehler ist, die Krisen als Gegensatz zu denken. Sie hängen zusammen, genau wie die Lösung: Die Abkehr ist von fossiler Energie gelebter Klimaschutz. Nur dürfen wir natürlich nicht fossile Energien mit fossilen Energien ersetzen.

STANDARD: Aber genau das passiert. In Österreich wird versucht, ein altes Kraftwerk wieder auf Kohle umzustellen, andere Stromerzeugungsanlagen sollen von Gas- auf Ölbetrieb umgerüstet werden, alles für den Ernstfall, wie es heißt.

Kemfert: In der Not mag es temporär so sein. Wenn man kurzfristig schon solche Maßnahmen ergreifen muss, sollte man gleichzeitig das Ausbautempo bei erneuerbaren Energien erhöhen, Energie sparen und die Abkehr von fossilem Öl und Gas gerade im Industrie- und Gebäudebereich schneller anschieben. Wenn man das richtig angeht, lassen sich beide Krisen mit einer Klappe schlagen.

STANDARD: Wie soll Europa mit Russland nach dem Krieg umgehen. Das Riesenland ist schon aufgrund der Größe etwa bei der Eindämmung der Treibhausgase nicht ganz unwichtig?

Kemfert: Die Frage ist doch, wann ist "nach dem Krieg"? Wie ist dann unsere Versorgungslage, wie unabhängig sind wir und wie verhält sich Russland dann? Es ist im Moment überhaupt nicht absehbar, was da jemals möglich sein wird. Deswegen müssen wir endlich selbst das Heft des Handelns in die Hand bekommen.

(INTERVIEW: Günther Strobl, 12.7.2022)

Zur Person: Claudia Kemfert (53) leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und ist Professorin an der Leuphana-Universität Lüneburg.

Lesen sie auch:

Wie sich Österreich auf einen Totalausfall russischen Gases vorbereitet

Industrie und Kraftwerksbetreiber sollen von Gas auf Öl umrüsten

Gertrud Anne

STANDARD: Wie schrecklich wird der nächste Winter?

#2 von Gertrud Anne ( Gast ) , 12.07.2022 09:13

Zitat von Gast im Beitrag #1
STANDARD: Wie schrecklich wird der nächste Winter?

Kemfert: Der könnte nur dann schrecklich werden, wenn wir uns nicht rechtzeitig darauf vorbereiten. Vor allem müssen wir vier Dinge gleichzeitig angehen.

STANDARD: Als da wären?

Kemfert: Das Erste ist, dass wir uns in Europa aus möglichst vielen verschiedenen Ländern mit Gas versorgen. Es gibt Gas außerhalb Russlands, alles nur eine Frage des Preises. Der Einkauf muss solidarisch erfolgen, wir dürfen uns nicht gegenseitig das Gas wegschnappen.

STANDARD: Es gibt auf EU-Ebene das Vorhaben, Gas über eine Einkaufsplattform einzukaufen, nur es dauert.

Kemfert: Ich halte es für sinnvoll, dass man sich zumindest beim Einkauf koordiniert. Eine Einkaufsgemeinschaft wäre im Hinblick auf schwierige Lieferanten, insbesondere Putin, ein nächster Schritt. Liefert Russland kein Gas, muss sich Europa abstimmen, wie man solidarisch von anderswo Gas bezieht, damit alle sicher versorgt sind.

STANDARD: Der zweite Punkt?

Kemfert: Die zügige Befüllung der Speicher, dass die bis Herbst möglichst voll werden. Am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung plädieren wir seit über zehn Jahren für eine europäische Gasreserve. Deutschland und Österreich haben inzwischen ein Gesetz auf den Weg gebracht, das einen Füllstand von 80 Prozent bis 1. Oktober vorsieht; Deutschland geht noch weiter und schreibt 90 Prozent bis 1. November vor. Das ist sinnvoll.

STANDARD: Und was ist mit Energie sparen?

Kemfert: Das ist der dritte Punkt, Deutschland hinkt auch da hinterher. In puncto effizienterer Umgang mit Energie könnte längst überall noch viel mehr geschehen. Viertens müssen die erneuerbaren Energien schnellstmöglich ausgebaut werden. Worauf warten wir noch?

STANDARD: Welche Formen des Energiesparens wären sinnvoll?

Kemfert: Alle Formen; sparen, wo immer es geht, muss die Devise sein. Es gibt Low-hanging Fruits, beispielsweise in der Industrie. Indem Abwärme effizienter genutzt oder Energiemanagementprogramme implementiert werden, kann ohne viel Aufwand gespart werden.

STANDARD: Und privat?

Kemfert: Jede Gasheizung, die noch vor dem Winter ausgewechselt wird, ist Gold wert; jeder Verbrauch, der gedrosselt wird, ist wichtig. Bei Beziehern von Niedrigeinkommen geht es im Winter schlicht darum, ob sie sich Heizen überhaupt noch leisten können. Da braucht es Hilfen, damit Betroffene zumindest einen Raum warm bekommen.

STANDARD:Der frühere EU-Energiekommissar Günther Oettinger hat gemeint, lieber 18 Grad und zwei Pullis, als die Industrie geht vor die Hunde.

Kamfert: Ich würde das eine nicht gegen das andere ausspielen. Es gibt Prioritätenlisten von Unternehmen, die systemrelevant sind und deshalb im Notfall genug Gas bekommen sollen. Das kann man marktwirtschaftlich lösen – bei der Industrie mittels Auktionen und Energiesparprämien, bei den Haushalten, indem sie ebenfalls Geld bekommen, wenn sie Gas einsparen.

STANDARD: Sind die hohen Energiepreise nicht Weckruf genug für eine Verhaltensänderung?

Kemfert: Die Teuerung ist bei den Konsumentinnen und Konsumenten noch gar nicht voll angekommen, das dicke Ende kommt dort erst. Die Industrie hingegen spürt den Preisanstieg schon jetzt stark, reagiert durch Minderverbrauch und ruft lautstark nach Hilfen und einem Gaspreisdeckel. Das halte ich aber auch für gefährlich.
Kemfert hält den Tankrabatt in Deutschland für eine denkbar schlechte Idee.
Foto: imago / wolfgang maria weber

STANDARD: Inwiefern?

Kemfert: Man muss der Industrie helfen, aber helfen beim Energiesparen, nicht beim Energieverbrauchen. Mit der Subventionierung fossiler Energien muss endlich Schluss sein. Man kann fossile Preisexplosionen nicht wegsubventionieren. Aktionen wie der Tankrabatt in Deutschland sind ein Irrsinn.

STANDARD: Während der Staatsschuldenkrise und auch in der Hochphase von Corona schien Geld abgeschafft. Beim Klimaschutz scheint die Scheu viel größer, in die Vollen zu greifen?

Kemfert: Die Politik ist stark getrieben von fossilen Lobbyinteressen, die sehr laut sind und ihre Geschäftsmodelle aufrechterhalten wollen. In der Vergangenheit sind leider viele Fehlentscheidungen getroffen worden. Jetzt zahlen wir den Preis der verschleppten Energiewende.

STANDARD: Der Klimaschutz scheint wieder einmal das Nachsehen zu haben, weil es immer etwas Dringlicheres gibt: zuerst Corona, dann Krieg in der Ukraine und jetzt die Gaskrise?

Kemfert: Der Fehler ist, die Krisen als Gegensatz zu denken. Sie hängen zusammen, genau wie die Lösung: Die Abkehr ist von fossiler Energie gelebter Klimaschutz. Nur dürfen wir natürlich nicht fossile Energien mit fossilen Energien ersetzen.

STANDARD: Aber genau das passiert. In Österreich wird versucht, ein altes Kraftwerk wieder auf Kohle umzustellen, andere Stromerzeugungsanlagen sollen von Gas- auf Ölbetrieb umgerüstet werden, alles für den Ernstfall, wie es heißt.

Kemfert: In der Not mag es temporär so sein. Wenn man kurzfristig schon solche Maßnahmen ergreifen muss, sollte man gleichzeitig das Ausbautempo bei erneuerbaren Energien erhöhen, Energie sparen und die Abkehr von fossilem Öl und Gas gerade im Industrie- und Gebäudebereich schneller anschieben. Wenn man das richtig angeht, lassen sich beide Krisen mit einer Klappe schlagen.

STANDARD: Wie soll Europa mit Russland nach dem Krieg umgehen. Das Riesenland ist schon aufgrund der Größe etwa bei der Eindämmung der Treibhausgase nicht ganz unwichtig?

Kemfert: Die Frage ist doch, wann ist "nach dem Krieg"? Wie ist dann unsere Versorgungslage, wie unabhängig sind wir und wie verhält sich Russland dann? Es ist im Moment überhaupt nicht absehbar, was da jemals möglich sein wird. Deswegen müssen wir endlich selbst das Heft des Handelns in die Hand bekommen.

(INTERVIEW: Günther Strobl, 12.7.2022)

Zur Person: Claudia Kemfert (53) leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und ist Professorin an der Leuphana-Universität Lüneburg.

Lesen sie auch:

Wie sich Österreich auf einen Totalausfall russischen Gases vorbereitet

Industrie und Kraftwerksbetreiber sollen von Gas auf Öl umrüsten

Gertrud Anne

STANDARD: Wie schrecklich wird der nächste Winter?

#3 von Gast , 12.07.2022 09:14

Zitat von Gast im Beitrag #2
Zitat von Gast im Beitrag #1
STANDARD: Wie schrecklich wird der nächste Winter?

Kemfert: Der könnte nur dann schrecklich werden, wenn wir uns nicht rechtzeitig darauf vorbereiten. Vor allem müssen wir vier Dinge gleichzeitig angehen.

STANDARD: Als da wären?

Kemfert: Das Erste ist, dass wir uns in Europa aus möglichst vielen verschiedenen Ländern mit Gas versorgen. Es gibt Gas außerhalb Russlands, alles nur eine Frage des Preises. Der Einkauf muss solidarisch erfolgen, wir dürfen uns nicht gegenseitig das Gas wegschnappen.

STANDARD: Es gibt auf EU-Ebene das Vorhaben, Gas über eine Einkaufsplattform einzukaufen, nur es dauert.

Kemfert: Ich halte es für sinnvoll, dass man sich zumindest beim Einkauf koordiniert. Eine Einkaufsgemeinschaft wäre im Hinblick auf schwierige Lieferanten, insbesondere Putin, ein nächster Schritt. Liefert Russland kein Gas, muss sich Europa abstimmen, wie man solidarisch von anderswo Gas bezieht, damit alle sicher versorgt sind.

STANDARD: Der zweite Punkt?

Kemfert: Die zügige Befüllung der Speicher, dass die bis Herbst möglichst voll werden. Am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung plädieren wir seit über zehn Jahren für eine europäische Gasreserve. Deutschland und Österreich haben inzwischen ein Gesetz auf den Weg gebracht, das einen Füllstand von 80 Prozent bis 1. Oktober vorsieht; Deutschland geht noch weiter und schreibt 90 Prozent bis 1. November vor. Das ist sinnvoll.

STANDARD: Und was ist mit Energie sparen?

Kemfert: Das ist der dritte Punkt, Deutschland hinkt auch da hinterher. In puncto effizienterer Umgang mit Energie könnte längst überall noch viel mehr geschehen. Viertens müssen die erneuerbaren Energien schnellstmöglich ausgebaut werden. Worauf warten wir noch?

STANDARD: Welche Formen des Energiesparens wären sinnvoll?

Kemfert: Alle Formen; sparen, wo immer es geht, muss die Devise sein. Es gibt Low-hanging Fruits, beispielsweise in der Industrie. Indem Abwärme effizienter genutzt oder Energiemanagementprogramme implementiert werden, kann ohne viel Aufwand gespart werden.

STANDARD: Und privat?

Kemfert: Jede Gasheizung, die noch vor dem Winter ausgewechselt wird, ist Gold wert; jeder Verbrauch, der gedrosselt wird, ist wichtig. Bei Beziehern von Niedrigeinkommen geht es im Winter schlicht darum, ob sie sich Heizen überhaupt noch leisten können. Da braucht es Hilfen, damit Betroffene zumindest einen Raum warm bekommen.

STANDARD:Der frühere EU-Energiekommissar Günther Oettinger hat gemeint, lieber 18 Grad und zwei Pullis, als die Industrie geht vor die Hunde.

Kamfert: Ich würde das eine nicht gegen das andere ausspielen. Es gibt Prioritätenlisten von Unternehmen, die systemrelevant sind und deshalb im Notfall genug Gas bekommen sollen. Das kann man marktwirtschaftlich lösen – bei der Industrie mittels Auktionen und Energiesparprämien, bei den Haushalten, indem sie ebenfalls Geld bekommen, wenn sie Gas einsparen.

STANDARD: Sind die hohen Energiepreise nicht Weckruf genug für eine Verhaltensänderung?

Kemfert: Die Teuerung ist bei den Konsumentinnen und Konsumenten noch gar nicht voll angekommen, das dicke Ende kommt dort erst. Die Industrie hingegen spürt den Preisanstieg schon jetzt stark, reagiert durch Minderverbrauch und ruft lautstark nach Hilfen und einem Gaspreisdeckel. Das halte ich aber auch für gefährlich.
Kemfert hält den Tankrabatt in Deutschland für eine denkbar schlechte Idee.
Foto: imago / wolfgang maria weber

STANDARD: Inwiefern?

Kemfert: Man muss der Industrie helfen, aber helfen beim Energiesparen, nicht beim Energieverbrauchen. Mit der Subventionierung fossiler Energien muss endlich Schluss sein. Man kann fossile Preisexplosionen nicht wegsubventionieren. Aktionen wie der Tankrabatt in Deutschland sind ein Irrsinn.

STANDARD: Während der Staatsschuldenkrise und auch in der Hochphase von Corona schien Geld abgeschafft. Beim Klimaschutz scheint die Scheu viel größer, in die Vollen zu greifen?

Kemfert: Die Politik ist stark getrieben von fossilen Lobbyinteressen, die sehr laut sind und ihre Geschäftsmodelle aufrechterhalten wollen. In der Vergangenheit sind leider viele Fehlentscheidungen getroffen worden. Jetzt zahlen wir den Preis der verschleppten Energiewende.

STANDARD: Der Klimaschutz scheint wieder einmal das Nachsehen zu haben, weil es immer etwas Dringlicheres gibt: zuerst Corona, dann Krieg in der Ukraine und jetzt die Gaskrise?

Kemfert: Der Fehler ist, die Krisen als Gegensatz zu denken. Sie hängen zusammen, genau wie die Lösung: Die Abkehr ist von fossiler Energie gelebter Klimaschutz. Nur dürfen wir natürlich nicht fossile Energien mit fossilen Energien ersetzen.

STANDARD: Aber genau das passiert. In Österreich wird versucht, ein altes Kraftwerk wieder auf Kohle umzustellen, andere Stromerzeugungsanlagen sollen von Gas- auf Ölbetrieb umgerüstet werden, alles für den Ernstfall, wie es heißt.

Kemfert: In der Not mag es temporär so sein. Wenn man kurzfristig schon solche Maßnahmen ergreifen muss, sollte man gleichzeitig das Ausbautempo bei erneuerbaren Energien erhöhen, Energie sparen und die Abkehr von fossilem Öl und Gas gerade im Industrie- und Gebäudebereich schneller anschieben. Wenn man das richtig angeht, lassen sich beide Krisen mit einer Klappe schlagen.

STANDARD: Wie soll Europa mit Russland nach dem Krieg umgehen. Das Riesenland ist schon aufgrund der Größe etwa bei der Eindämmung der Treibhausgase nicht ganz unwichtig?

Kemfert: Die Frage ist doch, wann ist "nach dem Krieg"? Wie ist dann unsere Versorgungslage, wie unabhängig sind wir und wie verhält sich Russland dann? Es ist im Moment überhaupt nicht absehbar, was da jemals möglich sein wird. Deswegen müssen wir endlich selbst das Heft des Handelns in die Hand bekommen.

(INTERVIEW: Günther Strobl, 12.7.2022)

Zur Person: Claudia Kemfert (53) leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und ist Professorin an der Leuphana-Universität Lüneburg.

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