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Die Wertanlage

#1 von Hildegard Maria ( gelöscht ) , 18.12.2011 20:11

Die Wertanlage

In seiner Mittagspause hatte Peter schon einige seltsame Begegnungen gemacht. In einer großen Stadt wie dieser war das ja auch kein Wunder. Die von heute Mittag aber würde er so schnell nicht wieder vergessen.

Er saß auf einer kalten Parkbank in der Wintersonne, das Papier seines Sandwichs auf den Knien, eine Getränkeflasche vor seinen Füßen auf dem Boden. Die Sonnenstrahlen trafen sein Gesicht, hatten aber keine wärmende Kraft. Peter gönnte sich ein paar schläfrige Minuten.

Ein anderer gönnte ihm die Ruhe aber nicht. Ein Mann nahm die restliche Bank in Beschlag, breitete sich umständlich aus und begann sofort zu reden:

„Ich brauche einen Rat. Ich bin sicher, sie können das. Sie sehen doch aus, als würden Sie sich in Anlagegeschäften auskennen, richtig?“

Peters Alarmsystem brachte sofort alle Funktionen auf Abwehr. Keine Spekulanten, keine Schnorrer. Weg hier!

Doch der Mann legte ihm beinahe besänftigend die Hand auf den Oberschenkel und sprach ununterbrochen weiter:

„Wissen Sie, man hat mir ein Geschäft angeboten. Ich bekomme jeden Tag 86.400. Jeden Tag. Auf unbestimmte Zeit. Auflage ist aber, ich darf nicht sparen. Nur investieren. Ausgeben. Denn Punkt Mitternacht wird mein Restguthaben storniert und mit neuen 86.400 wieder aufgefüllt. Wann der Vertrag endet, ist mir nicht bekannt. Vielleicht läuft er noch 10 Jahre, vielleicht sogar 40, vielleicht ist er heute Abend schon beendet. Was mache ich nur mit meinem täglichen Guthaben? Ich will es doch sinnvoll angelegt wissen, Erträge schaffen, ein Erbe hinterlassen? Wie mache ich das bloß?“

Unwillig begann sich Peter für die Geschichte zu interessieren. Er fing an, die ihm bekannten Fonds und Investitionsmöglichkeiten im Kopf durchzugehen, aber er scheiterte immer wieder an der energischen Beteuerung des Mannes: Alles wird um Mitternacht storniert.

Transaktionen, Schweizer Konten, vielleicht Luxemburg? Peter begann zu schwitzen. Was für ein irrer, sinnloser Vertrag sollte das sein, den sein Gegenüber da eingegangen war? Und was sollte eigentlich dessen Gegenleistung für die 86.400 sein?

Entnervt fuhr er den Frager an, der seinen Redefluss nur ungern für Peters Zwischenfragen unterbrochen hatte und immer weiter über Ausgabeformen sinnierte:

„Chinesisch lernen, einen neuen Job suchen, Entwicklungshelfer werden, spenden, meiner Mutter ein Haus bauen, meiner kranken Tante einen Hund kaufen, mit ........... in ein tolles Lokal essen gehen…“ :-)

Was faselte der denn da?

„Von welcher Währung reden wir eigentlich?“ fauchte Peter. „Euro, Dollar, Yen, Lira, Rubel vielleicht?“ Er kicherte gereizt. Da riss der Mann die Augen auf:

„Ich dachte, wir verstehen uns. Sie saßen hier gerade so entspannt, da habe ich sie für einen Experten gehalten! Sind sie das nicht? Wir reden von ihrem Business, von meinem, von dem der Frau da auf dem Fahrrad und das Schulkind dort ist auch mit dabei ...

Die Währung heißt Sekunden, junger Mann.“

Peter prallte erschrocken zurück. In seinem Kopf drehte sich alles. 86.400 Sekunden pro Tag, und um Mitternacht ist nichts mehr davon da. Aber ein neues Guthaben von 86.400 Sekunden. 86.400 Sekunden, die ausgegeben werden wollen. Die gut angelegt sein wollen. In die Zukunft investiert. Und um Mitternacht ist nichts mehr da.

Als er wieder aufsah, sah er den Mann am Ende der Allee auf eine andere Bank zusteuern. Darauf saß niemand sonst. Noch nicht. Aber gerade machte eine junge Frau mit ihren kleinen Kindern Anstalten, sich zu ihm zu setzen.

Ein Blick auf seine Uhr verriet Peter, dass er seit drei Minuten und 43 Sekunden in einem Meeting mit der Geschäftsleitung sitzen müsste. Also dann!


- Verfasser unbekannt-


Hildegard Maria

   

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Das ist kein Witz, es ist bitterer Ernst

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