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Drei Jahre Franziskus: Was wirklich neu ist

#1 von esther10 , 16.03.2016 18:40

Drei Jahre Franziskus: Was wirklich neu ist


Papst Franziskus, Balkonszene am Abend seiner Wahl zum Nachfolger Petri - EPA

10/03/2016 13:30SHARE:
Drei Jahre Papst Franziskus: das ist eine kurze Zeit für ein Pontifikat und erst recht eine kurze Zeit in der Geschichte der Päpste. Viele halten diese drei Jahre schon jetzt für „historisch“, oder, eine Nummer kleiner gefasst, für einschneidend. Relativiert sich das in der historischen Perspektive? Gab es nicht immer schon Päpste, die der Kirche - und der Kurie – neue Wege wiesen? Gudrun Sailer hat sich mit dem an der päpstlichen Universität Santa Croce in Rom lehrenden Kirchenhistoriker Johannes Grohe über Papst Franziskus und seine Vorgänger unterhalten.

RV: Johannes Grohe, das zentrale Wort im Pontifikat von Papst Franziskus ist „Barmherzigkeit“. Wenn wir in der Kirchengeschichte zurückblicken, ist das eine Schwerpunktsetzung, die nicht weiter zurückreicht als bis zum heiligen Papst Johannes Paul II. Wie hielten es denn frühere Päpste mit der Barmherzigkeit?
Grohe: „Natürlich hat es in der Kirche immer die Verkündigung der Barmherzigkeit gegeben, die ja ein Wesenselement der frohen Botschaft ist. Sie erwähnen zu Recht Johannes Paul II., er hat ja eine nach wie vor wichtige und grundlegende Enzyklika geschrieben, „Dives in Misericordia“. Daraus darf ich einen Satz zitieren: „Die Kirche muss daher in jedem geschichtlichen Zeitalter, besonders aber in Unserem, es als eine ihrer wichtigsten Aufgaben betrachten, das Geheimnis des Erbarmens, das uns in Christus aufstrahlt, zu verkünden und ins Leben hineinzutragen.“ Vielleicht ist es genau das, was jetzt neu ist: Das, was bisher verkündet worden ist, ins Leben hineinzutragen.“

RV: Was bedeutet das, bezogen auf Franziskus?

Grohe: „Es hat den Anschein, als ob es Papst Franziskus tatsächlich gelingt, durch die beständige Wiederholung der Verkündigung und durch konkrete Maßnahmen in der Kirche ein Bewusstsein zu wecken und von dorther den Willen zur Aussöhnung mit Gott zu wecken - und nach der Aussöhnung mit Gott auch die Aussöhnung mit den Mitmenschen zu suchen. Das heißt, Weitergabe der empfangenen Barmherzigkeit in tätiger Nächstenliebe. Wenn das gelingt, dann wäre in der Tat dieses Jahr der Barmherzigkeit, überhaupt dieser Schwerpunkt im Pontifikat von Papst Franziskus, ein großer Schritt nach vorne.“

RV: Der Kirche als Institution möchte Franziskus das Prinzip der Synodalität einschreiben, mehr als bisher. Auf welche Vorbilder könnte er da zurückgreifen?

Grohe: „Nun ist die Synodalität in der Kirche so alt wie die Kirche selber. Wir haben bereits seit den ersten Jahrhunderten immer wieder Versammlungen von Bischöfen mit dem Klerus ihrer Diözesen. Das zieht sich dann durch alle Jahrhunderte bis ins 20. Jahrhundert hinein durch. Lediglich, dass im 20. Jahrhundert zunehmend zum Klerus noch Vertreter von Laiengemeinschaften, einzelne qualifizierte Laien, Männer und Frauen, eingeladen werden, an diesen Beratungen teilzunehmen. Die Synode ist dann immer eine Bischofssynode für die einzelne Diözese. Der Bischof ist dann, wenn die Texte veröffentlicht werden, derjenige, der mit seinem Wort dazu steht. Er ist, wie es in der Rechtssprache heißt, der alleinige Gesetzgeber. Wir kennen andere synodale Formen in überdiözesanen Organisationsformen, die Regionalkonzilien, die Nationalkonzilien und natürlich die am besten bekannten ökumenischen Konzilien. Wobei ich bei den Regionalkonzilien sagen möchte, dass es so viele gibt, dass die Leute sich wundern, wenn man die Zahl nennt: Es gibt im Laufe der Jahrhunderte über 6.000 solcher Regionalkonzilien. Nun ist das, was dem Heiligen Vater vorschwebt, wohl nicht nur die Belebung dieser bereits bekannten Elemente, also Diözesansynode, Regionalkonzil, ökumenisches Konzil. Da kommt dann noch die Bischofssynode dazu, die in der letzten Zeit besonders Aufmerksamkeit erregt hat. Die Bischofskonferenzen, die ja zum Teil die Aufgaben früherer Regionalkonzilien übernommen haben.“

RV: Welche Ideen entwickelt Franziskus an diesem Punkt, aus Ihrer Sicht?

Grohe: „Dem Papst scheint vorzuschweben, dass bestimmte Kompetenzen vom Zentrum an die Peripherie rückdelegiert werden, dass also die regionalen Organisationsformen von Kirche wieder stärker in die Verantwortung genommen werden. Man könnte sagen, so ein kleinwenig mit Blick auf das erste Jahrtausend oder auf die ersten 1500 Jahre und so weiter. Denn nach dem Konzil von Trient hat die römische Kirchenleitung auch das Reglement über die Regionalkonzilien an sich gezogen, insofern als sie dann immer im Nachhinein approbiert werden mussten. Das war bis Trient nicht so der Fall. Hier hätte man eine Bewegung, für die offenbar Papst Franziskus eine gewisse Sympathie hat, Kompetenzen rückdelegieren, wo es möglich ist. Auf der anderen Seite aber hat man den Eindruck, dass gerade um die römische Bischofssynode herum neue Überlegungen in Gang gekommen sind: Die Miteinbeziehung der Laien in der ganzen Welt in eine Art synodalen Prozess. Ansatzweise hat man das gesehen in der Versendung der Fragekataloge vor der ersten und dann noch vermehrt vor der zweiten Bischofssynode, wo es um die Familienfrage ging. Es könnte sein, dass man in diese Richtung weiterdenken wird. Dafür spricht auch ein Studientag, den das Sekretariat der Bischofssynode kürzlich veranstaltet hat.“

RV: Welche Vorbilder der Synodalität in anderen christlichen Kirchen könnte man in Betracht ziehen?

Grohe: „Sicherlich ist die Synodalität, wie sie in den aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen praktiziert wird, nicht unbedingt ein Vorbild, weil es dort ja das hierarchische Element nicht gibt. Man schaut aber offenbar mit einer gewissen Sympathie auf die in den orientalischen Kirchen realisierte Synodalität. Was das noch im Einzelnen mit sich bringen wird, das müssen wir abwarten.“

RV: Franziskus und die Kurienreform, die langsam aber beständig läuft seit Beginn des Pontifikats: Inwiefern ist denn diese Kurienreform unter Franziskus etwas Neues?

Grohe: „Zunächst einmal dürfen Kirchen- und Kurienreformen ruhig ein wenig Zeit brauchen. Ich darf daran erinnern, dass die große gregorianische Kirchenreform, die in der Kirche viel bewirkt hat, etwa 80 Jahre gedauert hat. Man hat da mit großem Engagement für die Freiheit der Kirche gestritten. Einmal wollte man die Simonie überwinden, heute würden wir vielleicht sagen, die Korruption bei der Ämtervergabe. Man hat sich sehr eingesetzt für die Beachtung des Zölibats beim Klerus und man hat sich sehr eingesetzt für die Zurückdrängung einer dezidierten Einmischung der Fürsten und Könige bei der Vergabe von kirchlichen Ämtern, Stichwort Investiturstreit.“

RV: Zur besseren Einordnung: Wann war die gregorianische Kurienreform?

Grohe: „Im elften Jahrhundert, verbunden mit dem Namen Gregor VII., aber er ist nur derjenige, der dem Ganzen den Namen gegeben hat. Es sind andere große Reformer, die um ihn herum am gleichen Ziel gearbeitet haben. Die tridentinische Kirchenreform hat auch lange gebraucht, bis die Dekrete des Konzils von Trient rezipiert waren, hat es auch 50 bis 80 Jahre gebraucht. Hubert Jedin hat das einmal etwa so ausgedrückt, dass Dekrete von Konzilien nicht die Reform produzieren können, denn alles, was in der Kirche an Neuem entsteht, an Reformen entsteht, sagt er sinngemäß, beginnt klein, wird vom Geist gewirkt, das ist in der katholischen Kirche der Heilige Geist. Man kann nicht erwarten, dass Strukturen oder Konzilsdekrete Reformen einfach so produzieren. Da müssen viele Menschen zusammenwirken.“

RV: Welche Beispiele gescheiterter Kirchenreformen können Sie uns als Kirchenhistoriker nennen?

Grohe: „Etwa die von Urban VI. ab 1378, man war gerade aus Avignon zurückgekehrt nach Rom, der Papst wird gewählt unter schwierigen Umständen. Er war von einem Reformeifer beseelt, und viele gutgesinnte Menschen der Zeit haben ihn da unterstützt. Nur hat er dann so rasch und so schroff die Reform durchführen müssen, dass er binnen weniger Monate das Kardinalskollegium und die Kurie gegen sich aufgebracht hat. Auch eine reformeifrige Heilige der Zeit, Katherina von Siena, schreibt in einem ihrer berühmten Briefe an den Papst, er möge sich mäßigen, er möge Geduld haben. Er hatte sie nicht. Ergebnis war dann leider der Bruch mit dem Kollegium, mit der Kurie und das Schisma.“

RV: Papst Franziskus geht es anders an...

Grohe: „Ja. Er hat dieses Kardinalsgremium ernannt, das ihm beratend zur Seite steht. Also will er nicht einfach nach seinen eigenen Vorstellungen und wie es ihm gerade in den Kopf kommt, eine Reform durchführen. Es geht wohl mehr darum, dass eine Gesinnung sich ändert. Kurie, Ausübung von Vollmacht, in der Kirche ist mehr ein Dienst als Herrschaft. Das sagt er in vielen verschiedenen Wendungen immer wieder, je nach dem mit wem er gerade spricht. Er mahnt besonders intensiv Nuntien und Bischöfe und Kurienmitglieder und so weiter. Wenn es ihm gelingt, in den Herzen der Menschen das zu verankern, dann ist viel erreicht. Dann kommen aus dem Gesinnungswandel auch die entsprechenden Strukturen zustande. Unabhängig davon, ob es ihm gelingt, das jetzt noch in seinem Pontifikat fertigzubringen oder ob er im Gesinnungswandel eine Spur hinterlässt, wo dann andere dort weitermachen, wo er begonnen hat.“

RV: Die größte Kurienreform vor Franziskus war die von Paul VI. Auch die war sehr einschneidend oder wurde zumindest als solche empfunden. Was sind denn die Früchte dieser Kurienreform? Ist Paul VI. es klug vorgegangen?

Grohe: „Zunächst einmal hat Paul VI. Wert daraufgelegt, dass die Kurienreform, die Veränderung der Struktur der Kurie selber, in seiner Hand lag. Er wollte nicht, dass sie durch das Konzil festgelegt sind. Sondern das Konzil hat nur allgemeine Prinzipien festgelegt, etwa im Dekret über das Bischofsamt oder dann natürlich in der großen, grundlegenden Kirchenkonstitution Lumen Gentium. Der Papst wollte die Kurie für diese Umgestaltung gewinnen, nicht gegen die Kurie arbeiten. Übrigens: ganz ähnlich kann man das bei Johannes dem XXIII. schon sehen. In der Tat hat dann in den Jahren 1966 und folgende eine große Umgestaltung dessen stattgefunden, was man bis dato als Kurie kannte. Dabei spielte es weniger eine Rolle, ob einzelne Dikasterien der römischen Kurie, einzelne Kongregationen neu benannt werden oder Aufgaben neu zugeschnitten werden. Das ist eigentlich mehr das Administrative. Paul VI. steht dafür, dass er die Kurie internationalisiert hat, Bischöfe aus den Ortskirchen nach Rom berufen hat, sie zu Mitgliedern der Kurie gemacht hat, so dass also der Schatz der Erfahrung aus der Weltkirche in Rom seit Paul VI. sehr viel stärker präsent ist als es in den Pontifikaten zuvor der Fall war.“

RV: Papst Franziskus ist jetzt seit drei Jahren im Amt, und es ist ein sehr dynamisches Pontifikat. Wenn wir heute auf diese drei Jahre schauen, was sind die Entwicklungen und die Standards, die Papst Franziskus neu gesetzt hat und hinter die spätere Päpste wohl nicht zurückgehen können?

Grohe: „Ob das Letzte, was Sie gesagt haben, der Fall sein wird, das ist schwer zu sagen. Ich bin Historiker, kein Prophet. Man kann sicher sagen, dass im Augenblick die Wahrnehmung von päpstlicher Autorität sehr positiv gesehen wird. Erstaunlicherweise vor allem außerhalb der katholischen Kirche findet sich sehr viel mehr Sympathie für die Gestalt des Papstes und das Petrus-Amt. Das ist sicherlich eine wichtige Errungenschaft. Wobei es dem Papst sicherlich nicht darum geht, Anerkennung zu finden, für seine Person Anerkennung zu finden, sondern er möchte deutlich machen, dass das Petrus-Amt ein Dienstamt ist, an der Einheit der Kirche, an allen Kirchen. Sicherlich der Stil hinterlässt eine Spur, die auch die Nachfolger bestimmen wird. Aber vielleicht ist das, was vorhin zur Sprache kam, also Bewusstsein, dass kirchliches Amt Dienst ist, das ist etwas, was er immer wiederholt. Wenn Sie nach der Grunddimension des Pontifikats bislang fragen, ist es einmal die Barmherzigkeit, aber dann eben auch darüber eine neue missionarische Dynamik der Kirche, nicht von Spezialisten, sondern der ganzen Kirche, von allen getauften Gläubigen, Männern und Frauen, Laien und geweihten Mitgliedern der Kirche, Ordensleuten und so weiter. Alle in Folge Gottes sollen sich das zu Eigen machen: Ich gehöre zur Kirche und ich trage das Evangelium weiter.
http://de.radiovaticana.va/news/2016/03/...neu_ist/1214376
(rv 10.03.2016 gs)


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http://www.fatima.pt/portal/index.php?id=14924

 
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