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  • 02.01.2016 00:34 - „Religion hat augenscheinlich an Bedeutung gewonnen
von esther10 in Kategorie Allgemein.

Päpste vor Parlamenten: Politische Avantgarde


Papst Franziskus spricht vor beiden Häusern des US Kongresses, September 2015 - EPA

02/01/2016 09:00SHARE:

In einer Situation in Europa, in der Entsolidarisierung droht, sind die Botschaften des Papstes und seine Schwerpunktsetzung an den Peripherien wichtige Mahnrufe. Und genau das wird auch mit dem Karlspreis gewürdigt, den Papst Franziskus in diesem Jahr bekommen wird. So kommentiert Annette Schavan, Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl, die Preisverleihung und auch die politische Bedeutung dieses Papstes.
Papst Franziskus wird der zweite Papst sein, der den prestigeträchtigen Karlspreis bekommt, Johannes Paul II. hatte ihn aber nach über zwanzig Jahren Pontifikat und unzähligen Einsätzen für die europäische Einheit bekommen. Bei Papst Franziskus ist das anders. Wie wichtig heute die Rolle der Religion und besonders der Vertreter der Religion in Politik und Gesellschaft ist, darüber hat Radio Vatikan mit der Politikerin, Katholikin und Botschafterin gesprochen.

Annette Schavan: „Religion hat augenscheinlich an Bedeutung gewonnen. Wir dachten ja lange Zeit, dass jetzt eine säkulare Zeit beginnen würde, Religion ist Privatsache geworden und spielt im öffentlichen und politischen Leben keine große Rolle mehr. Das ist aber ganz anders geworden. Religion ist auch auf die Bühne der Politik zurück gekehrt. In unguter Weise, wenn wir an all die Regionen der Welt denken, in denen im Namen der Religion Gewalt ausgeübt wird und der Eindruck entsteht, Religion sei Teil des Problems, nicht der Lösung. Religion ist aber auch zurück gekehrt als eine Quelle von Werten und Grundhaltungen, und als eine Quelle von Spiritualität, die in der globalen Welt auch zu einem neuen Miteinander führen kann, wenn sie denn in einen Prozess der Nachdenklichkeit hinein genommen wird.“

RV: Papst Franziskus wird der Karlspreis überreicht bekommen, ein politischer Preis und mit europäischer Einigung und Frieden zu tun hat. Zeigt das, dass nicht nur Religion als solche sondern dass auch die Vertreter der Religionen im politischen Bereich stärker wahrgenommen werden und eine größere Rolle spielen?
Schavan: „Die Verleihung des Karlspreises an Papst Franziskus ist nach meiner festen Überzeugung ein Zeichen dafür, dass die Botschaft der Ermutigung und der Hoffnung, die der Papst in Straßburg gesetzt hat, sehr wohl wahrgenommen worden ist, dass sie im Moment auch große Bedeutung hat weil Europa ja in einer Situation der Verunsicherung ist und weil der Eindruck entsteht, dass das, was wir Wertegemeinschaft nennen, blass geworden ist. Es droht Entsolidarisierung. Europa hadert.
Ich habe mich bei der Nachricht der Karlspreisverleihung an das Wort von Jacques Delors, des früheren Präsidenten der europäischen Kommission, ‚Europa braucht nicht nur politische Fähigkeiten und wirtschaftliches Know-How, Europa braucht auch eine Seele und Spiritualität. Nur dann wird der lange Atem möglich sein, den dieser Kontinent braucht um eine wirkliche Wertegemeinschaft sein zu können’.“

Wider das Abgleiten in nationale Egoismen
RV: Was der Papst sagt klingt erst einmal sehr gut, sowohl die Ermutigungen als auch die Zeichen, die er setzt. Kommt das denn über eine Preisverleihung hinaus überhaupt in der politischen Welt an, außer in Sonntagsreden? Hat das eine Wirkung im politischen Alltag?
Schavan: „Das wird sich zeigen. In den letzten Monaten ist jede Debatte über Solidarität in Europa schwierig gewesen, das wird sich auch nicht von einem Tag auf den anderen ändern. Das kann sich erst ändern, wenn jedes Land erkennt, dass die Lösung der eigenen Probleme – Stichwort Jugendarbeitslosigkeit – und die gute Entwicklung der eigenen Gesellschaft Teil einer europäischen Entwicklung ist. Keine Karlspreisverleihung bewirkt Wunder, keine Karlspreisverleihung dreht Politik um, aber ein solcher Moment, eine solche Verleihung und was in diesem Kontext gesagt wird kann Nachdenklichkeit erzeugen und das Bewusstsein für Gemeinschaft stärken, und das braucht Europa dringend, damit es nicht wieder abgleitet in nationale Egoismen.“
RV: Dass Papst Franziskus sich zu politischen Fragen äußert, ist nicht neu. Aber er ist nicht der erste Papst, der das tut. Sie selber haben eine Buch heraus gegeben mit Papstreden vor Parlamenten, „Päpste vor Parlamenten“ heißt es, angefangen mit der Rede von Papst Paul VI. vor der UNO und endend mit Papst Franziskus, ebenfalls vor der UNO. Kann man da so etwas wie einen roten Faden entdecken, wie die Rolle von Päpsten und von Religion in der Politik aussieht?
Schavan: „Ja, zu meinem eigenen Erstaunen gibt es einen roten Faden, so unterschiedlich die Päpste sind und so unterschiedlich die Zeiten waren. Das, was Päpste vor Parlamenten sagen ist nicht parteiisch im unmittelbar politischen Sinn, sondern ergreift Partei für den Menschen, für den Respekt vor dem Menschen und seiner einzigartigen Würde. Sie treten auf als Redner, die einen Kompass anbieten und die mit der Ebene, über die sie sprechen, die Ebene der Werte und Grundhaltungen, so etwas wie politische Avantgarde sind.
Das ist nicht ‚katholisch’, das heißt es ist nicht auf die katholische Welt beschränkt, sondern zeigt, wie die Tradition, aus der heraus sie sprechen, über alle kulturellen Grenzen hinweg Impuls ist, dass diejenigen, die politische und öffentliche Verantwortung tragen, dem Menschen verpflichtet sind.“
RV: Dass Päpste vor Parlamenten sprechen ist eher eine jüngere Entwicklung, die katholische Kirche war der Demokratie ja nicht immer sehr positiv gesinnt. Aber in Ihrem Buch versammeln sich dann doch nicht wenige Reden: Polen, Deutschland, Italien, UNO, Europaparlament. Gibt es einen Grund, weswegen Sie dieses Buch heute Politikern Europas in die Hand drücken würden?
Schavan: „Es gab mehrere Gründe für dieses Buch. Mir war aufgefallen, dass alles sagen, dass Franziskus politisch ist. Was war denn mit den anderen? Es ist ja auch eigentümlich, wenn der Eindruck entsteht, dass dieser Papst irgendwie ganz anders ist als alle anderen. Damit tut man ihm auch keinen Gefallen.
Das zweite: In der Tat wird Politik heute vor allem empfunden als Bewältigung von immer mehr Ausnahmesituationen. Es gibt kaum noch so etwas wie einen politischen Alltag. Eine Krise jagt die andere. Das sind Situationen, in denen die Frage entsteht, wo jenseits von politischen Programmen, Parteiprogrammen und Parlamentserklärungen den Quellen für Werte, Grundhaltungen und Impulse sind, die über all dieses partielle hinaus reichen und sich auf das Gemeinwohl konzentrieren. Impulse, die zusammen führen und integrative Wirkung haben. Das fand ich in diesen Texten.“

Päpste vor Parlamenten. In Verantwortung vor Gott und den Menschen. Herausgegeben von Annette Schavan und erschienen im Herder Verlag. Das Buch kostet etwa 20 Euro.
http://de.radiovaticana.va/news/2016/01/...terview/1198055
(rv 02.01.2016 ord)



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