**** Auf beiden Bischofssynoden über die Familie, die im Oktober 2014 und Oktober 2015 stattfanden, trat Kardinal Marx für jene Personengruppe ein, die nach kirchlicher Lehre als permanente Ehebrecher im Stand der schweren Sünde leben.
Neu ist hingegen, daß sich Kardinal Marx dafür auf Amoris laetitia beruft. Lange Monate herrschte diesbezüglich Funkstille. War man sich im erzbischöflichen Palais Holnstein in München nicht ganz sicher, ob die von Kasper bereits 1994 formulierte und 2014 erneut auf den Tisch gelegte „deutsche Position“ tatsächlich durch Amoris laetitia gedeckt wird? Bereits nach der Sommerpause gab es verwunderte Anfragen an Marx und andere Bischöfe, ob es denn keinen Hirtenbrief zu Amoris laetitia geben werde.
Der Streit um die wiederverheiratet Geschiedenen wird von internationalen Beobachtern auch als „deutscher Streit“ gesehen. Deutsche Kirchenvertreter drängen seit Jahrzehnten mehr oder weniger offen auf die Anerkennung der Zweitehe. Die Kardinäle Walter Kasper, Christoph Schönborn, Karl Lehmann und Reinhard Marx stehen für diesen umstrittenen Kurs. Das erklärt auch, warum ihnen gerade aus dem deutschen Sprachraum besonders starker Widerstand erwächst, wofür die Kardinäle Walter Brandmüller, Joachim Meisner, Paul Josef Cordes und Gerhard Müller stehen und nicht zuletzt auch Weihbischof Athanasius Schneider. Diese Frontstellung ist Kardinal Marx natürlich bewußt und dürfte mit ein Grund sein, daß es noch keinen Hirtenbrief der deutschen Bischöfe zum nachsynodalen Schreiben gibt.
Nach acht Monaten beendete Kardinal Marx sein Schweigen zu den Kontroversen um Amoris laetitia und ließ eine mutmaßliche Unterstützung der deutschen Bischöfe für Papst Franziskus erkennen. Die Formulierungen des Kardinals gegenüber KNA fielen allerdings so zurückhaltend aus, daß daraus nicht eindeutig hervorgeht, ob die Forderungen der Mehrheitsmeinung unter den deutschen Bischöfen mit den „Öffnungen“ von Amoris laetitia zufriedengestellt sind oder nicht:
*** Spadaro-Interview: Papst Franziskus betrachtet es als „Mission“, Kirche zu reformieren – „Nichts kann uns von der Liebe Christi trennen“ 30. Dezember 2016