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  • 29.01.2014 10:09 - 29.01.Aphrahat der persische Weise ca. 275 - 345
von Hildegard Maria in Kategorie Allgemein.

29.01.Aphrahat der persische Weise ca. 275 - 345


Aphrahat

I. Einführung

1. Das Umfeld: Ein kurzer Überblick
über das persische Christentum im 4. Jhd.

Die erste Missionierung Persiens erfolgte spätestens am Anfang des 2. Jahrhunderts, wohl von Edessa her. Das Christentum galt als Minderheit. Das Leben in Persien bestimmen verschiedene heidnische Kulte. Es gab aber auch ein sehr starkes Diasporajudentum, das bis zum 4.Jhd. zahlenmäßig wohl gleichstark wie Chrsitentum war. In seinem Werk setzt sich Aphrahat vornehmlich mit dem Judentum auseinander, während das Heidentum so gut wie keine Rolle bei ihm spielt.
Das Christentum konnte sich zunächst relativ frei entfalten. Dann aber kam es zu einer Restauration heidnischer Kulte durch die Sassaniden im 3.Jhd. und einer Stärkung des Mazdaismus. Es gab einzelne Verfolgungen anderer Religionen, darunter auch Juden und Christen aber erst nach Konstantin wird das Christentum als Staatsreligion eines Feindstaates in Persien verdächtig.
Zur Zeit Aphrahats kam es unter Schapur II. in der 1.Hälfte des 4. Jhdts. zu organisierten Christenverfolgungen. Schapur soll gesagt haben: "In unserem Land wohnen sie (die Christen), doch ihre Gedanken sind beim Caesar, unserem Feind." Damit hatte er nicht unrecht. Aphrahat schreibt in Dem. IV, 24 (FC, 177) Über die Kriege:

Gott nahm das Reich den Jakobssöhnen fort und gab es den Esausöhnen, bis der kommt, dem es gehört... Daher wird dieses Reich der Esausöhne (=Rom) nicht in die Hand der zusammengezogenen Heere (Persiens) übergeben, die dagegen heraufziehen wollen, weil das Reich für seinen Geber bewahrt wird und dieser es bewahrt.

Möglicherweise wurden Christenverfolgungen auch durch jüdische Intrigen am persischen Hof verstärkt und es mag auch zu Auseinandersetzungen wegen der erhöhten Steuer für Christen gekommen sein. Erst an der Wende zum 5. Jahrhundert kommt es zu einer Tolerierung der persischen Nationalkirche.
Das persiche Christentum zeichnet sich durch seine, zunächst von der griechischen Welt relativ unberührte semitische Denkweise aus. Charakteristisch ist auch ein starker asketischer Zug.
Einige bedeutende Theologen und Werke:
Tatian der Syrer (gest. nach 172)
Bardaisan, der "aramäische Philosoph" (154-222)
Die Oden Salomos
Das Thomasevangelium
Die Thomasakten
Die syrische Didaskalie

2. Die Person: Aphrahat

Aphrahat wurde zwischen 270 und 285 geboren und starb im Jahr 345. Er lebte wohl im westlichen Grenzgebiet Persiens. Seine Biographie ist uns nahezu unbekannt. Aus seinem Werk lassen sich nur wenige Rückschlüsse auf seine Person ziehen, ja es ist sogar seine erklärte Absicht, seine Person ganz hinter dem Werk zurücktreten zu lassen (vgl. 22,26).
Sein bedeutendstes Werk sind die "Demonstrationes/Unterweisungen". Die deutsche Ausgabe ist in der Reihe Fontes Christiani (Freiburg, 1991) erschienen. Alle Zitate in diesem Text beziehen sich auf diese Ausgabe.
Aphrahat ist der erste syrische Kirchenvater. Man kann aber davon ausgehen, dass er Mönch gewesen ist und den "Bundessöhnen" angehörte. Obwohl seine Zugehörigkeit zum Klerus umstritten ist, hatte er dennoch eine bedeutende Position in der damaligen Kirche inne, er war jemand, von dem man eine verlässliche Glaubensunterweisung erwartete. Er will ein treuer Sohn der Kirche sein und ist in ihrer Tradition fest verwurzelt.
Aphrahat ist Zeitgenosse des Konzils von Nicäa, hatte aber, wohl wegen des Kriegszustandes zwischen Persien und Rom, keine Kenntnis von diesem Konzil gehabt, auch nicht vom Arianismus. In seinem Werk zeigen sich überhaupt sehr wenige Einflüsse westlichen Denkens.

3. Das Werk: Demonstrationes

Das Werk entstand als Antwort auf einen Brief eines Möches mit der Bitte um Glaubensweisung. Aphrahat schreibt als Mönch für Mönche.
Sein Werk ist als Akrostichon nach den 22 Buchstaben des syrischen Alphabets gegliedert:
Teil 1 (337 entstanden)
I. Über den Glauben
II. Über die Liebe
III. Über das Fasten
IV. Über das Gebet
V. Über die Kriege
VI. Über die Bundessöhne
VII. Über die Büßer
VIII. Über die Auferweckung der Toten
IX. Über die Demut
X. Über die Hirten
Teil 2 (344 entstanden)
XI. Über die Beschneidung
XII. Über das Pascha
XIII. Über den Sabbat
XIV. Über die Ermahnung
XV. Über die Unterscheidung der Speisen
XVI. Über die Völker anstelle des Volkes
XVII. Über den Messias, daß er der Sohn Gottes ist
XVIII. Gegen die Juden über die Jungfräulichkeit und Heiligkeit
XIX. Gegen die Juden, die da sagen, es sei für sie bestimmt, versammelt zu werden
XX. Über die Armenversorgung
XXI. Über die Verfolgung
XXII. Über den Tod und die letzten Zeiten
Nachtrag (345 entstanden)
XXIII. Über die Beere

Das Werk ist verfasst in glänzendem Syrisch mit sehr wenigen griechischen oder persischen Lehnwörtern. WEs zeigt eine sehr biblische Sprache, die Hl. Schrift ist die Hauptquelle seiner Theologie.
"Aphrahats Darlegungen lassen keinen systematischen Aufbau erkennen. Sehr selten beschränkt er sich auf ein vorgegebenes Thema, oft unterbricht er die Betrachtung durch ausführliche Bibelzitate, schaltet chronologische und erbauliche Exkurse ein oder verknüpft Paränesen, Bekenntnisse und Gebete mit dem dünnen Faden des Hauptthemas. Straffe Gedankenfolge und kunstgerechten Aufbau sucht man beim persischen Weisen vergebens." (FC, 39)
Aphrahat verwendet eine bildhafte Sprache mit direkte Anrede des Lesers und einprägsamen Wiederholungen.

I,2 Denn der Glaube setzt sich aus vielen Dingen zusammen und wird mit vielen Farben vollendet. Einem Bauwerk gleicht er nämlich, das aus vielen Einzelarbeiten errichtet wird, und sein Bau ragt in die Höhe. Wisse, mein Freund, daß auf die Fundamente des Bauwerks Steine gelegt werden, und dann erhebt sich auf den Steinen der ganze Bau, bis er vollendet ist. So ist auch unseres ganzen Glaubens Fundament jener feste Fels, der unser Herr Jesus Christus ist. (FC, 81)

Wenn Aphrahat von Christus spricht, so sind es meiner Ansicht nach zwei Sachverhalte, die ihn dabei beeinflussen: Zum einen ist es sein Verhältnis zum Judentum. Einerseits hat er mit dem Judentum als gemeinsame Quelle das AT, andererseits sind sie es, gegen die er die Bedeutung Christi verteidigen muss. Zum anderen bestimmt sein Menschenbild sein Reden von Christus. Erlösung, Geistsendung und Nachahmung Christi werden die wichtigen Themenfelder sein, die uns begegnen werden.

II. Das Verhältnis Aphrahats zum Judentum

Zunächst möchte ich kurz das Verhältnis Aphrahats zum Judentum darstellen. In Persien war das Diasporajudentum zahlenmäßig zur Zeit Aphrahats etwa gleichstark wie das Christentum. Trotz vieler Gemeinsamkeiten sind es gerade die Juden, gegenüber denen Aphrahat das Christentum verteidigen muss, nicht Heiden oder innerchristliche Irrlehrer. Dies beeinflußt natürlich seine Argumentationsweise. Aphrahat muss zunächst beweisen, dass Christus Gott ist und der von den Propheten verheißene Messias. Dabei kann er auf das AT als gemeinsame Grundlage zurückgreifen.
Aphrahat bedient sich dabei, besonders in den Dem. XI-XIII und XV-XIX, die während der Verfolgung geschrieben wurden, einer relativ starken Polemik gegen die Juden, die aber ein gewisses gesundes Maß nicht überschreitet, wie ihm auch jüdische Gegner bescheinigen. Da das Judentum im Gegensatz zum Christentum eher toleriert wurde (unverdächtig), wollten wohl einige Christen durch Konversion zum Judentum den Verfolgungen entgehen. Aphrahat ist daher sehr darum bemüht, den Heilsanspruch jüdischer Gebräuche abzuweisen und den christlichen Glauben als Höhepunkt und Vollendung alt. Verheißungen darzustellen.
Wichtige Themen in der Auseinandersetzung mit den Juden sind Christologie, Ehelosigkeit und Askese, Verfolgung, Erwählung der Völker und Verwerfung Israels.
Trotz aller Abgrenzung gegenüber dem Judentum ist Aphrahat stark von semitischem Denken beinflusst und es ist eine Fülle inhaltlicher Parallelen zur rabbinischen Litaratur zu belegen. Somit spricht die polemische Abgrenzung gegenüber den Juden nicht gegen, sondern eher für eine enge Verwandtschaft und Gemeinsamkeit der beiden religiösen Gruppen.

III. Aphrahats Reden von Christus

1. Christus als Sohn Gottes und Gott

Das apologetische Anliegen gegenüber dem Judentum bestimmt natürlich die Redeweise Aphrahats über Christus. In der Dem. XVII geht es ihm vor allem darum zu beweisen, dass Christus Gott und Gottes Sohn ist und dass er zurecht angebetet wird. Diese Abhandlung "Über den Messias, des Sohn Gottes" ist in erster Linie "eine wortreiche Antwort gegen die Juden, die da lästern gegen das Volk aus den Völkern." Für uns Christen "... steht fest, daß Jesus, der Herr, Gott ist, Sohn Gottes, König, Königssohn, Licht vom Licht, Sohn, Ratgeber, Wegführer und Weg, Erlöser, Hirte, Sammler, Tor, Perle und Leuchte." (FC, 418)
Christus kann Gott genannt werden, weil schon im AT manchen Gerechten der Name der Gottheit beigelegt wurde (so wird Mose für den Pharao, aber auch für Aaron zum Gott bestellt). Dann versucht er zu beweisen, daß sich im AT schon die Gottessohnschaft Christi angedeutet finden und Christus der von den Propheten verheißene Messias ist.

XVII, 8 "Davon sollen sich die Schwerfälligen überzeugen lassen, daß es nichts Ungewöhnliches ist, daß wir Christus Sohn Gottes nennen, der ja alle Menschen empfangen und aus seinem Denken gezeugt hat, ...daß auch ihm der Name der Gottheit zukommt, da er (sc. Gott) auch den Gerechten seinen Namen beilegt...Für uns aber steht fest, daß Jesus Gott ist, Sohn Gottes. In ihm haben wir den Vater erkannt und sind dadurch an aller (Götzen)Verehrung gehindert. Also nichts haben wir, was wir dem vergelten könnten, der solches unsretwegen ertrug, außer daß wir ihm durch Anbetung Ehre zollen für seine Drangsal um unsretwillen." (FC, 423 ff)

Sieht man von der Abneigung Aphrahats gegen eine spekulative Theologie an sich einmal ab, so hat sicher auch die Konzentration allein auf die Auseinadersetzung mit den Juden dazu geführt, da22 es für Aphrahat nicht nötig gewesen ist, eine solche Begriffsspezialisierung zu leisten, wie sie in der Reichskirche gegenüber den innerchristlichen Irrlehren herausgefordert wurde. Seine Christologie ist daher eher rückwärts gewandt und erinnert etwas an die Reden des Paulus in der Apostelgeschichte an die Juden.

2. Typologische Exegese

Die typologische Exegese ist die bevorzugte Methode der Schriftauslegung bei Aphrahat. Sie unterstützt sein apologetische Anliegen, das Christentum gegenüber jüdischen Einwürfen zu verteidigen. Das Christentum wird so als nahtlose Fortführung des atl. Judentums und darüber hinaus als dessen Überbietung und Erfüllung dargestellt. "Die verhüllte Heilsmacht Gottes wirkt im vorausweisenden Symbol des AT, verwirklicht sich in der Heilstat Christi und setzt sich im sakramentalen Leben der Kirche fort."
Alles, was durch Christus und das Christentum geschehen ist, ist im AT bereits prophetisch angekündigt oder verborgen enthalten. Das Wirken Christi zeigt sich somit als Realisation atl. Prophetie und Christus ist authentischer Interpret und Garant von Gesetz und Propheten. Dies zeigt sich auch am Christustitel "Erfüller". In der typologischen Exegese wird auch die Christozentrik der gesamten Schriftauslegung Aphrahats deutlich.
Jede Form christlicher Lehre und Praxis hat ihren entsprechenden Vorläufer im AT. Die atl. Gesetzesvorschriften werden durch das doppelte Liebesgebot aufgehoben, allein der Dekalog beibt für die Christen relevant. Alle anderen Vorschriften sind Symbole müssen in der typologischen Exegese auf ihren verborgenen Sinn hin untersucht werden.
Das wichtigste Symbol im AT ist das Paschafest. Von ihm her führt eine direkte Linie zur christlichen Sakramententheologie. Der eucharistische Christus ist das Pascha der Wahrheit.

XII, 5 "Du hast nun, mein Lieber, von diesem Pascha gehört, was ich dir gesagt habe, daß sein Symbol dem ersten Volk gegeben wurde, seine Wahrheit jedoch vernimmt man heute unter allen Völkern...
6 Denn unser Erlöser aß das Pascha zusammen mit seinen Jüngern ... und vollzog in Wahrheit das Zeichen des Pascha für seine Jünger ..." (FC, 302f)
10 Israel wurde nämlich getauft inmitten des Meeres, in jener Paschanacht, am Tage der Erlösung. Unser Erlöser wusch die Füße seiner Jünger in der Paschanacht, ein Symbol für die Taufe. Erkenne, ... daß erst in dieser Nacht unser Erlöser die wahre Taufe gab, denn solange er sich bei seinen Jüngern aufhielt, gab es die Taufe des Gesetzes, mit der die Priester tauften, jene Taufe, wie Johannes gesagt hat: "Kehrt um von euren Sünden!" (Mt 3,2). In jener Nacht zeigte er ihnen das Geheimnis der Taufe des Leidens und seines Sterbens, wie der Apostel gesagt hat: "Ihr wurdet mit ihm begraben zum Tod, ihr seid mit ihm erstanden durch die Kraft Gottes" (Röm 6,3f; Kol 2,12)." (FC, 308f)

Als weiteres Beispiel für typologische Exegese kann auch noch die Auslegung der Vision Jakobs von der Himmelsleiter dienen:

IV, 5 "Auch unser Vater Jakob betete in Bet-El und sah das Himmelstor, wie es geöffnet war, und eine Leiter, die in die Höhe führte. Das ist das Symbol unseres Erlösers, das Jakob geschaut hat. Das Tor des Himmels ist Christus ... Auch die Leiter, die Jakob sah, ist ein Symbol für unseren Erlöser, durch den die gerechten Menschen von unten nach oben steigen. Ferner ist es Symbol für das Kreuz unseres Erlösers, der erhöht worden ist in der Art einer Leiter. Der Herr jedenfalls steht über ihm. Denn über Christus ist der Herr des Alls ...Dort stellte Jakob eine steinerne Säule zum Zeugnis auf und goß Salböl auf ihre Spitze. Auch dies hat unser Vater Jakob im voraus symbolisch getan: Steine empfangen die Salbung. Denn die Völker, die zum Glauben an den Gesalbten gekommen sind, werden gesalbt ..." (FC, 140)

3. Namen und Symbole Christi

Orientalisch-semitisches Denken kennt eine besondere Hochschätzung des Namens. Der Name gilt als wesentlicher Bestandteil der Person und als Aussage über Wesen und Charakter seines Trägers (er ist nie bloß äußerliches Erkennungszeichen; "nomen es omen" z.B. Märtyrer Simon, der Färbersohn, hat durch sein blutiges Martyrium sein Gewand für den Eintritt ins Gottesreich gefärbt). Es besteht eine reale, untrennbare Beziehung zwischen dem Namen und seinem Träger. In Bezug auf Christus bedeutet dies: Die Namen, mit denen er genannt wird, zeigen sein Wesen.
Aber die Wirklichkeit Gottes lässt sich nie vollständig aussagen, auch nicht in Bildern und Symbolen, diese bleiben immer hinter der Wirklichkeit Gottes zurück und können nur eine Annäherung an sein Geheimnis sein. Dennoch ist menschliche Rede von Gott sinnvoll, da er gleichsam die Initiative ergriffen hat, die Gemeinschaft mit den Menschen sucht und sich offenbart hat.
Es ist dies das Problem der Apophatik und Kataphatik Gottes. So kann Aphrahat einerseits davon reden, daß es von Gott kein Gleichnis gibt und in einem Atemzug an der Möglichkeit des Menschen festhalten, Gott in seinem Herzen zu formen und sein Gleichnis zu bilden. (vgl. XXIII, 59)
Theologische Rede ist für Aphrahat in erster Linie Bildrede. Er versucht in Bildern, sich dem Geheimnis Gottes zu nähern. Er ist nicht der spekulative Denker, sondern gleicht eher einem Künstler, dessen künstlerisches Schaffen an der schöpferischen Allmacht Gottes teilhat. Man kann von einem Vorrag der Ästhetik vor der Logik sprechen.
Aphrahat betrachtet Christus aus immer wieder neuen Perspektiven, ohne den Versuch zu unternehmen, diese einzelnen Bilder zu einer christologischen Gesamtschau zu vereinen. Häufig stehen die einzelnen Bilder völlig unverbunden nebeneinander (vgl. XVII, 2.11), sie dürfen aber nie nur getrennt betrachtet werden. Würde man einzelne Bilder verabsolutieren, würde man die Absicht Aphrahats verkennen und sein Christusbild entstellen. Erst im immer wieder neuen Betrachten der einzelnen Bilder kann sich der Betrachter dem Geheimnis Christi nähern, ohne daß man Christus am Ende in einer abschließenden einzigen Formel darstellen könnte.
Christus ist so für Aphrahat wie eine Perle, unendlich kostbar, und immer wieder neu zu betrachten.

XVII,1 "... Für uns jedenfalls steht fest, dass Jesus, der Herr, Gott ist, Sohn Gottes, König, Königssohn, Licht vom Licht, Sohn, Ratgeber, Wegführer und Weg, Erlöser, Hirte, Sammler, Tor, Perle und Leuchte." (FC, 418)

Der häufigste Christustitel ist natürlich Herr, maran, "unser Herr". Daneben steht der Titel Christus, Messias, der Gesalbte, wobei im Umfeld Aphrahats noch ganz klar der Gedanke der Salbung damit assoziiert wurde und Christus noch nicht, wie heute ein reiner Eigenname war. Auch wird damit an die durch Christus ermöglichte Salbung der Völker erinnert. Durch die Taufsalbung werden die Christen selbst zu Gesalbten und empfangen Anteil an der Salbung Christi, der uns den Zugang zum paradiesischen Ölbaum eröffnet hat. Durch Salbung wird Christus auch zum Träger der atl. Ämtertrias: des Königs- und Hirtenamts, des Prophetenamts und des Priesteramts.
Trotz Opposition zum persischer Herrscherhaus scheut Aphrahat sich nicht, Christi eschatologisches Königtum und seine himmlische Inthronisation im Stile des persischen Hofzeremoniells darzustellen. Als König ist Christus auch Heerführer, das Kampfmotiv ist für Aphrahat nicht unbedeutend, Christus kämpft auf Seiten der Esausöhne und ist ein größerer Heerführer als die Engelfürsten Gabriel und Michael.
Als Hirte ist Christus auch Vorbild für die Hirten der Kirche. Die Bezeichnung Oberhirte ist allein für Christus reserviert. Christi Wirken wird gezeichnet als die Erfüllung und Überbietung atl. Prophetie, aus der unendlichen Fülle seines göttlichen Geistes haben auch die Propheten empfangen.
Eine syrische Sondertradition bildet die Herleitung von Christi Priestertum aus der Taufe durch Johannes. Dadurch soll gegenüber den Juden die Kontinuität, Erfüllung und Überbietung des alt. Priesterums gezeigt werden.
Die Bezeichnung Christi als Erlöser und lebendigmachender Arzt macht seine Heilsfunktion besonders deutlich. Leben wird nicht als neutrale Größe (etwa als Grundkraft der kosmischen Entwicklung) definiert, sondern ist ein Heilsgut, das den Menschen von Gott gewährt wird, wenn Christus Arzt ist, wird deutlich, dass der Mensch selbst unfähig ist, sich zu heilen. Christus eröffnet den Menschen wieder den Zugang zum Lebensbaum und die Gegengrößen zum Leben, Tod (alles verschlingende Scheol) und Krankheit sind unmächtig.
Christus ist der Bräutigam. Bei der Hochschätzung der Jungfräulichkeit bei Aphrahat nimmt es nicht Wunder, daß er Christus als den einzig idealen Bräutigam hinstellt, ja er zeichnet ein dunkles Bild irdischer Brautschaft um die himmlische Christusehe umso glänzender erscheinen zu lassen. Die intime Christusgemeinschaft sichert den Ehelosen schon auf Erden Teilhabe an der Auferstehung, stellt aber, einmal gewählt, auch eine lebenslängliche Verpflichtung dar, von der abzuweichen eine schwere Sünde ist.
Christus ist das Licht, das in der Finsternis leuchtet, das die Völker erleuchtet. Beachtenswert ist auch das Bild vom Licht, das als Lampe ans Kreuz gehängt wird.

4. Glaubensbekenntnis

Christus ist das Fundament des Glaubens. Für Aphrahat definiert sich, wie allgemein für den Semiten, der Glaube nicht so sehr in Lehrsätzen, sondern dadurch, daß er einen festen Grund darstellt, auf dem der Mensch das Leben aufbauen kann, daß er die Grundlage für ein gerechtes Leben ist. (Vgl. Hebr. 11,1 "Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht.") So ist auch Fels eine beliebte Bezeichnung für Christus. Christus ist der Grundstein des Glaubens aber auch der Schlußstein des Hauses des Gläubigen. Wenn der Mensch es einladend gestaltet, wohnt Christus durch den Geist darin.
Der Geist hat bei Aphrahat vornehmlich die Funktion, die Universalisierung und individuelle Aneignung des Christusgeschehens zu garantieren (man kann aber nicht sagen, daß Aphrahat bereits den Geist als Hypostase Gottes gekannt hat). In dem Fragebrief des Mönches an Aphrahat schreibt dieser ein Glaubensbekenntnis und legt es Aphrahat zur Prüfung vor. Aphrahat nennt in seinen Demonstrationes dann folgendes Glaubensbekenntnis. Die erste und letzte Zeile machen deutlich, daß es nicht von Aphrahat ad hoc formuliert wurde. Es ist wohl im Kern sehr alt und spiegelt das Glaubensbewußtsein der frühen jüdischen Christen wieder. Wie das des anderen Mönches erscheint es sehr alttestamentlich-jüdisch beeinflußt. Der Geist wird vor Christus genannt, von dem nur gesagt wird, daß er der von Gott in die Welt gesandte Messias ist.

I, 19 "Dies ist nämlich der Glaube: Dass man glaubt an Gott, den Herrn des Alls, der gemacht hat Himmel und Erde und Meere und alles, was darinnen, der Adam gemacht hat in seinem Bild, der die Weisung dem Mose gegeben hat, der von seinem Geist in die Propheten gesandt hat, der ferner seinen Messias in die Welt gesandt hat, und dass man glaubt an die Wiederbelebung der Toten, und dass man darüber hinaus auch glaubt an das Sakrament der Taufe. Dies ist der Glaube der Kirche Gottes." (FC, 96)

5. Präexistenz Christi

Werfen wir noch kurz einen Blick darauf, wie Aphrahat Christus vor seiner Menschwerdung sieht. Er spricht zwar von einem Sein Christi beim Vater vor seiner Menschwerdung, so daß die Präexistenz beim Vater in der Seinsweise Gottes belegt ist, doch wird nicht ganz deutlich, ob Christus auch als gleichewig wie der Vater angesehen wird.

I, 8 "... Auch der Prophet Sacharja hat über diesen Stein, der Christus ist, geweissagt ... "Ich schaute den Anfangsstein der Gerechtigkeit und des liebenden Erbarmens" (Sach 4,7 syr.). Warum hat er gesagt "Anfang(-stein)"? Doch nur, weil er von Anfang an beim Vater war (vgl. Joh 1,1)." (FC, 86)
XXIII, 52 "... Wir preisen in dir [=Christus] das Wesen seiner [=des Vaters] selbst, das dich von seiner Wesenheit getrennt und dich zu uns gesandt hat..." (FC, 560)

IV. Erlösung und Nachfolge

1. Die Ausgangssituation: Gottebenbildlichkeit
und Sündhaftigkeit des Menschen

XVII, 7 "... Du weisst, ... dass alle Geschöpfe, seien sie nun oben oder unten, zuerst erschaffen wurden, und nach all diesen der Mensch. Als Gott nämlich die Welt mit all ihrem Schmuck zu erschaffen gedachte, hat er anfangs Adam empfangen und im Innersten seines Verstandes gebildet. Erst nachdem Adam in seinem Denken empfangen worden war, empfing er die anderen Geschöpfe ... Denn der Mensch ist älter und geht in der Empfängnis den anderen Geschöpfen voraus ... Erst als er [=Gott] die Welt vollendet und geschmückt hatte ... zeugte er Adam aus seinem Denken. Er formte Adam mit seinen Händen, und Adam fand die Welt bereits gegründet ... Nachdem Gott Adam aus dem Inneren seines Denkens gezeugt hatte, bildete er ihn, blies ihm von seinem Geist ein und gab ihm die Erkenntnis der Unterscheidung, zwischen Gut und Böse zu scheiden und zu erkennen, daß Gott ihn erschaffen hat. Sobald der Mensch seinen Schöpfer erkannt hat, wird Gott im Inneren des menschlichen Denkens geformt und empfangen."

Der Vorrang des Menschen in der Schöpfung zeigt sich zum einen darin, dass Adam anfangs von Gott empfangen und im Innersten seines Verstandes gebildet wurde. Erst nach der Erschaffung der Welt und der übrigen Geschöpfe hat Gott Adam aus seinem Denken gezeugt und mit seinen Händen geformt und in die Welt gesetzt. Auch dieses Geschaffensein durch die Hände Gottes zeichnet den Menschen aus.
Die Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott manifestiert sich aber auch vor allem darin, daß der Mensch mit den Geist erhalten hat, was ihn in die Nähe Gottes stellt und ihn von aller anderen Kreatur abhebt. Die Geistbegabtheit des Menschen ist Gabe und Aufgabe. Wahres Menschsein wird sowohl im Urzustand, in der geschichtlischen Existenz, als auch in der eschatologischen Vollendung nur durch Vereinigung mit dem Geist verwirklicht (bei Auferstehung ruft Geist die Gerechten aus den Gräbern und die verwandelten Leiber umkleiden den Geist, sind also ganz vom Geist erfüllt und sind so fähig zur Anschauung Gottes). Der Mensch ist aber auch zu einem Leben nach dem Geist aufgefordert, sonst geht er des Geistes verlustig und der "geistlose" Mensch sinkt auf die Ebene der anderen Kreatur herab, er ist wie das Vieh.

"Der Mensch wird zum Tempel für Gott, seinen Schöpfer ... Jedoch die Adamskinder, in deren Innerem er nicht gebildet und geformt wird und in deren Denken er nicht empfangen wird, werden vor ihm wie Vieh erachtet und wie die übrigen Geschöpfe (vgl. Ps 73,22 syr.)." (FC, 422 f)

Die Sünde des Adam führte zum Verlust des Geistes.

XXIII, 3 "...Weil der Mensch durch die Verführungskunst des Bösen das Gebot übertrat und sich die Hoheit anmaßte, Gott gleich zu sein, und zwar aufgrund der empfangenen Unterscheidungsgabe der Erkenntnis, entstand zwischen ihm und dem Lebensbaum, um dessen Früchte er durch die betrügerische List des Bösen gebracht wurde, eine Umwallung. Auf Befehl des Großen (sc. Gottes) wurde der Baum mit Hilfe des furchterregenden Schwertes und einer kreisenden Flamme abgezäunt (vgl. Gen 3,24)..."

Die Sünde beleidigt und vertreibt den Geist und so ging der Mensch durch die Sünde Adams des Geistes verlustig und lebte unter dem Fluch. Der Mensch ist in diesem Zustand ein Torso, der der Wiedervereinigung mit dem Geist bedarf. Im paradiesischen Urzustand hatte der Mensch uneingeschränkten Zugang zum Lebensbaum, nach der Sünde Adams wurde ihm der Zugang zu den Früchten des Baumes durch versperrt, dadurch bekamen die lebensbedrohlichen Kräfte wie Tod und Krankheit Zugriff auf den Menschen.
Dennoch kann die Sünde Adams die einmal ausgesprochene Segensverheißung Gottes nicht aufheben. Es zeigt Aphrahats positives Menschenbild, wenn er behauptet, daß es immer Gerechte auf Erden gegeben hat, die einen gewissen Zugang zum Lebensbaum hatten; die Verfluchung Adams wird so stillschweigend ausgehöhlt.
Doch ist dieser Lebensbaum in seiner Annehmlichkeit denen, die von ihm zu essen trachten, um zu leben, nicht unzugänglich geblieben, weil er seine Zweige ausbreitete und seine Äste ausdehnte, seine Schößlinge über die Umwallung ausstreckte und in seiner Güte seine Früchte auch außerhalb des zur Bewachung eingegrenzten Gebietes abwarf. Den Menschen, die zuvor wegen der verwirrten und beschädigten Erkenntnis zahlreiche Hiebe hinnehmen mußten, wurde durch diese Heilungsmöglichkeit der verhängte Fluch genommen.

"Als der Feind dies fühlte, wurde er in seinem Sinn ein wenig beschämt. Seine Künste wurden hinfällig, so daß er der Frucht und ihren Essern zürnte. Sie empfingen in ihrem Leib die Auflösung des Fluches, so dass wahre Weisheit die trügerische List des Bösen überwand. Die diese Frucht aßen, wurden bewahrt wie die Beere in der Traube, und aufgrund des Segens wurde die Traube bewahrt bis zur Vollendung der vom Höchsten festgesetzten Zeit (vgl. Jes 65,8)." (FC, 528f)

Dennoch ist die Situation des Menschen bestimmt vom Verlangen nach dem Geist und der Befreiung vom Fluch Adams. Dies ist gleichsam die Ausgangssituation, in die Christus eintritt. Greifen wir hier schon einmal etwas vor und sehen wir die eine Frucht der Erlösung in Christus:

Aphrahat

XIV, 31 "... Er betrat die Scheol und führte die Gefesselten heraus. Mit dem Bösen kämpfte er, bezwang ihn und trat ihn nieder, durchbrach seine Bahnen und plünderte seinen Besitz; er zerbrach seine Pforten und riß seine Riegel ab. Er nahm seine Dornen und setzte sie auf dessen Haupt. Er versiegelte unsere Seelen mit seinem eigenen Blut. Er ließ die Gefangenen frei aus der verschlossenen Grube. Er zerbrach die Umwallung und die Schärfe des Schwertes [vgl. S.1 XXIII, 3], nahm den Fluch und heftete ihn an sein Kreuz (vgl. Kol 2,14)." (FC, 363)

Der Tod wurde durch Christus endgültig vernichtet. Christus fuhr in die Unterwelt, doch sie konnte ihn nicht behalten und er verläßt sie als Sieger. Durch Christus sind die lebensbedrohenden Mächte besiegt.
Sehen wir uns nun im Folgenden genauer an, wie Aphrahat uns die Erlösungstat Christi schildert und wie er den Menschen auch den Zugang zum Geist ermöglicht.

2. Christus Gott und Mensch -
der kyana-Begriff bei Aphrahat

Christus, in der Herrlichkeit beim Vater, ist zu uns gekommen und hat aus der Jungfrau Maria einen Leib angenommen. Im Unterschied zur griech. Tradition spricht man in der syrischen Christologie oft von der Menschwerdung Christi als "Er zog einen (auch den) Leib an." Falsch verstanden kann dies einem Doketismus Vorschub leisten. Dieser würde jedoch den Wert der Erlösung durch Christus in Frage stellen und auch die Askese als Heiligung des Leibes entwerten. Aphrahat betont daher an vielen Stellen das wahre Menschsein Christi und seine Leidensfähigkeit. Es ist für ihn heilsnotwendig, daß Christus wahrer Mensch geworden ist.
Aphrahat spricht nirgends von einer Fleischwerdung des Logos, wenngleich er Joh 1,1 in anderem Zusammenhang erwähnt. Für ihn ist Jesus und nicht der Logos Subjekt der Menschwerdung, das Objekt ist der Leib (nicht Mensch oder Fleisch).
Natürlich ist Aphrahat (nicht zuletzt auch wegen der Hochschätzung der Jungfräulichkeit an sich) von der Jungfrauengeburt Christi aus Maria überzeugt. Eine etwas eigenwillige Terminologie verwendet er, wenn er vom Hineinsäen der Frucht in Maria durch Gabriel spricht (IX,5).
Im folgenden Text wird deutlich, wie sehr Aphrahat auf das wahre Menschsein Christi Wert legt:

"...Obgleich er reich war, machte er sich arm. Obgleich er erhaben war, erniedrigte er seine Größe. Obgleich seine Wohnung in der Höhe war, hatte er keinen Ort, sein Haupt zu legen (vgl. Mt 8,20). Obgleich er auf den Wolken einst kommen wird, ritt er auf einem Eselsfüllen in Jerusalem ein (vgl. Mt 26,64; 21,7). Obgleich er Gott war und Gottes Sohn, nahm er Knechtsgestalt an (Phil 2,7). Obgleich er die Ruhe aller Mühen war, ermüdete er von der Mühe des Weges (Joh 4,6f). Obgleich er der Quell war, der den Durst stillt, dürstete er und bat um Wasser, um zu trinken (vgl. Joh 4,7). Obgleich er die Fülle war und all unseren Hunger sättigte, hungerte er, als er in die Wüste hinauszog, um versucht zu werden (vgl. Mt 4,2).
Obgleich er der Wächter war, der nicht schlummert (Ps 121,4), schlummerte und schlief er im Schiff inmitten des Meeres (vgl. Mt 8,24). Obgleich er bedient wurde in der Wohnung seines Vaters, ließ er sich von Menschenhand bedienen. Obgleich er der Arzt aller kranken Menschen war, wurde er an seinen Händen mit Nägeln befestigt. ... Obgleich er der Lebendigmacher aller Toten war, übergab er sich selbst dem Tod am Kreuz."

Gehen wir noch einen Schritt weiter. Das Folgende ist ein wichtiger Satz für die Christologie Aphrahats. Er spricht von der göttlichen und menschlichen Seinsweise Christi. Dabei verwendet er den Begriff kyana, auf den näher einzugehen ist:

"Als unser Herr aus seiner Existenzweise [Natur] gekommen war, wandelte er in unserer. Bleiben wir in unserer Existenzweise [Natur], daß wir am Tag der Gerechtigkeit an seiner Existenzweise [Natur] teilhaben."

In der Sprachgeschichte wird kyana verwendet als Äquivalent für das griech. Wort physis. In seiner Grundbedeutung meint kyana Sein, Seiendes, Seinsweise. Nichttheologisch meint kyana die charakteristische Eigenschaft einer Sache oder einer Person oder auch ganz konkret ein einzelnes Geschöpf oder Geschaffenes. Bei Aphrahat bedeutet kyana soviel wie "Stand, Zustand, Lage", es bezeichnet die typische Eigenschaft, die umfassende Natur oder ein konkretes Individuum.
Das Problem besteht darin, daß Aphrahat mit kyana auch ein konkretes Individuum meinen kann. Daraus folgt die Unmöglichkeit, zwei so verstandene Naturen in Christus anzugeben, ohne dabei gleichzeitig zwei Christusgestalten anzunehmen. Somit stellt sich die Frage, ob Aphrahat sich hier überhaupt vorstellen kann, daß Christus wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich ist, oder ob er eher einen Geistchristologie zuneigt, in der Christus ein Mensch ist, der dadurch ausgezeichnet ist, daß er den Geist in Überfülle besitzt. Nach der Argumentation Aphrahats wäre ein solcher Mensch ja auch nach dem AT Gott zu nennen. Christus unterscheidet sich freilich auch von den anderen Menschen dadurch, daß er von Gott, seinem Vater kommt und wieder zu ihm zurückkehrt. Man wird sagen können, daß für Aphrahat das Verhältnis zwischen göttlicher und menschlicher Natur in Christus ein Geheimnis darstellt, das er nicht ergründen kann. So werden beide Sichtweisen für ihn möglich gewesen sein, aber nicht für sich absolut, sondern nur als verschiedene Perspektiven, die einander ergänzen.
Der Vorteil des kyana-Begriffs besteht darin, daß dadurch das wirkliche Menschsein Christi deutlich gemacht wird. Sein dynamischer Charakter läßt kein beziehungsloses Nebeneinander zweier abstrakter Naturen in Jesus zu, sondern nur ein heilsgeschichtliches Nacheinander und einen lebendigen Austausch zwischen den verschiedenen Existenzformen.
Das Problem bleibt bestehen, als im Jahre 410 das Nizänum ins Persische übersetzt und homoousios mit bar kyana d`abu(h)i ("connaturalem patri suo") übersetzt wurde. Man wird sagen können, daß dem kyana-Begriff Aphrahats noch nicht die begriffliche Systematisierung zugrundeliegt, die beim homoousios der Fall ist. (So war dieser Begriff vielleicht nicht unbedingt, wie Grillmeier meint, eine Brücke zum griechischen Glaubensbekenntnis, sondern hat auch zu Mißverständtnissen führen können.)
Um die Bedeutung der Christologie näher zu bestimmen, lesen wir zunächst weiter im Text:

"Unser Herr nahm von uns das Unterpfand und ging hin; er hinterließ uns ein Unterpfand von sich selbst und wurde entrückt (vgl. 2Kor 1,22; 5,5; Eph 1,14). Obgleich er nichts bedurfte, wurde unserer Bedürftigkeit wegen jener Ausweg gefunden. Was uns gehört, hatte er auch schon von Anfang an. Aber wer hätte uns das Seinige gegeben? Wahr ist nämlich das, was unser Herr uns verheißen hat: "Wo ich bin, werdet auch ihr sein" (Joh 14,3).
Denn was er von uns genommen hat, ist bei ihm in Ehre, und ein Diadem ist um sein Haupt gelegt (vgl. Hebr 2,9); so ziemt es sich auch für uns, das Seinige, das wir empfangen haben, in Ehren zu halten. Das Unsrige ist bei ihm geehrt, aber nicht in unserer Existenzform. Ehren wir das Seinige in der Natur seiner selbst. Wenn wir ihn ehren, kommen wir zu ihm, der von uns genommen hat und aufgefahren ist. Wenn wir ihn aber verachten, nimmt er von uns weg, was er uns gegeben hat. Wenn wir sein Unterpfand an uns reißen (vgl.Eph 1,14), nimmt er es uns dort wieder weg und beraubt uns dessen, was er uns verheißen hat.
Als er zu uns kam, hatte er nichts von uns, und auch wir hatten nichts von ihm, obwohl die beiden Existenzformen ihm und seinem Vater gehörten. Als nämlich Gabriel der seligen Maria, die ihn gebar, die Frohbotschaft brachte, nahm er (sc. Gabriel) das Wort aus der Höhe und kam an. "Das Wort ist Leib geworden und hat unter uns (auch: in uns) gewohnt (Joh 1,14). Als er (sc. Christus) zu dem ging, der ihn gesandt hatte, brach etwas auf und ging hin, was er nicht mitgebracht hatte, wie der Apostel gesagt hat: "Er ließ uns aufsteigen und thronen mit ihm im Himmel" (Eph 2,6). Als er zu seinem Vater zurückgekehrt war, sandte er uns seinen Geist und sprach zu uns: "Bei euch bin ich bis zur Vollendung der Welt" (Mt 28,20).
Denn Christus sitzt zur Rechten des Vaters, und Christus wohnt zugleich in den Menschen. Er herrscht oben wie unten durch die Weisheit seines Vaters und wohnt in den Vielen, obgleich er einer ist. Jeden Gläubigen überschattet er anteilweise und erleidet an sich keinen Mangel ..." (FC 197 ff)

Die Aussagen über Christus, die sich in diesem Text widerspiegeln, lassen sich gut mit dem Begriff Austauschchristologie bezeichnen. Das Erlösungswerk Christi bildet einen dynamischen Prozeß. An seinem Beginn steigt der, in einer nicht näher ausgeführten Weise beim Vater präexistene Christus, in die irdische Natur herab, er verläßt seine Natur, die himmlische Existenzweise, um bei den Menschen zu wandeln. Den Höhepunkt bildet die Aufnahme Christi in den Himmel, wodurch ein Stück Menschheit als Unterpfand der Gesamtvollendung bereits bei Gott angekommen ist. Christus legte die Menschheit nicht wieder ab. Er nahm wirklich ein Unterpfand vom Menschen mit (den menschlichen Leib, den er bei seiner Geburt aus Maria angenommen hat) und hinterließ seinerseits als Unterpfand den Heiligen Geist aus seiner himmlischen Natur. Mit Christi Entrückung ist so auch ein Stück Menschheit bei Gott angekommen, aber nicht in der Form unseres gegenwärtigen Zustandes der Erniedrigung und Vergänglichkeit, sondern im Zustand der Erhöhung und Herrlichkeit.
Christus hatte vor Menschwerdung noch keinen Leib angenommen. Dennoch war ihm die menschliche Existenzweise nicht völlig fremd, weil er potentiell über beide Existenzweisen verfügen konnte. Da Christus bei der Menschwerdung die menschlich-irdische Existenzweise angenommen und in seiner Auferstehung erhöht hat, befinden sich die Menschen virtuell bereits in der göttlichen Natur: ?Den Leib aus Staub zog er an und zog ihn zu seiner Natur.? (XXIII, 49) Es geht also nicht um ein beziehungsloses Nebeneinander von göttlicher und menschlicher Natur in Christus, sondern um die Hineinnahme des menschlich-irdischen Lebens in die göttliche Existenzweise durch Christus. Somit zeigt sich die Wiedergewinnung des Geistes als eigentliches Ziel der Erlösung. Dies realisiert sich in der Taufe, ist aber nicht exklusiv daran gebunden.
Christus wird auch ganz deutlich als Antitypus zu Adam hingestellt. Während die Selbsterhöhung Adams zu dessen Erniedrigung geführt hat, wird Christus, der sich selbst erniedrigte, von Gott erhöht. Der himmlische Adam ist bestimmt durch seine Geistnatur, der irdische Adam durch seine Staubnatur (vgl. VI, 18). Die Staubnatur geht nach Tod mit dem Körper zugrunde, der Gerechte wird beim Kommen Christi vom Geist gerufen und in eine unsterbliche Geistnatur verwandelt (vgl. Paulus: wir werden verwandelt werden).
Besteht so Erlösung für Aphrahat in erster Linie darin, daß den Menschen der Zugang zum Geist Gottes ermöglicht wird, so vergißt er andererseits nicht die Bedeutung des Kreuzestodes Christi für unsere Erlösung. Indem er als Gerechter für die Sünder starb, hat Christus die Schuld Adams beglichen und den Zugang zum Lebensbaum wiedereröffnet. Indem der, der völlig schuldlos war, alle Schulden auf sich genommen und ans Kreuz getragen hat, wurde der Schuldschein, der durch Adams Schuld bestand, getilgt.

3. Leben in der Nachfolge

a) Wahres Menschsein durch ein gerechtes Leben in der Nachfolge Christi

Aphrahat sagt ausdrücklich:

"All diese Demut hat uns unser Lebendigmacher an sich selbst bewiesen. Also demütigen wir auch uns, meine Lieben!"

Christi Erniedrigung in die Seinsweise des Menschen, sein gerechtes Leben, sein Ertragen von Leiden, all dies dient uns als Beispiel zur Nachahmung. Der Mensch muß sich Christus angleichen, dem exemplarischen Menschen, der seinem guten Vater gleichförmig geworden ist. Deshalb ist es für Aphrahat so wichtig, das volle Menschsein Christi zu betonen, denn nur weil er wirklich Drangsale durchlitten hat und Standhaftigkeit und Demut bewiesen hat, kann er darin auch Vorbild für den einzelnen Christen sein.
Der Christ ist aufgefordert, dem Beispiel seines Meisters zu folgen, sich ebenfalls zu demütigen, um Anteil an der himmlischen Existenzweise Christi zu erlangen. Christologische "Naturenlehre" erscheint so als Fundament gelebter christlicher Nachfolge und einer Spiritualität der Demut.
Viele Bilder, die Aphrahat von Christus zeichnet, dienen besonders dazu, die Vorbildhaftigkeit Christi darzustellen. Aphrahats Theologie ist eben nicht systematisch, sondern der immer wieder neu einsetzende Versuch, der Fülle des Gegenübers Christus-Geist praktisch-asketisch und damit indirekt auch christologisch gerecht zu werden.
Wie Christus seinen Leib in der himmlischen Sphäre in Ehren hält und ihn krönt, muß auch der Christ Christi Unterpfand, den Heiligen Geist, in Ehren halten. Durch ein gerechtes und asketisches Leben in der Nachahmung Christi wohnt Christus durch den Geist in uns und erst durch diese Einwohnung des Geistes entsteht wahres Menschsein, wird der Mensch Gottes Ebenbild. Weicht der Mensch von diesem Weg ab, kann er den Geist auch wieder verlieren, der geistlose Mensch aber ist wie Vieh.
Ausdruck eines gerechtes Leben in Askese sind Gebet, Fasten, Demut, Jungfräulichkeit, um nur einige Werke des Gerechten zu nennen. Dabei ist aber zu beachten, daß Aphrahat trotz aller Mahnungen zu einem asketischen Leben nicht dem Rigorismus verfällt.

"Seien wir Gefäße für die Ehre, damit unser Herr uns einfordern kann für seinen Gebrauch (2Tim 2,21) ... Hassen wir uns selbst (Joh 12,25), und lieben wir Christus, wie er uns geliebt und sich für uns hingegeben hat (Eph 5,2). Ehren wir den Geist Christi, dass wir von ihm Gnade empfangen. Werden wir der Welt fremd, wie auch Christus nicht von ihr war (vgl. Joh 17,14) ... Werden wir Teilhaber an seinem Leiden, dass wir ebenso auch durch seine Auferstehung das Leben haben... Horchen wir auf die Stimme des Bräutigams, damit wir mit ihm ins Brautgemach eintreten..." (FC, 183ff)
"In der Tat, ...das ganze Gesetz und die Propheten hängen an den beiden Geboten, wie es unser Erlöser gesagt hat: "...dass man den Herrn lieben soll aus ganzer Seele, mit ganzer Kraft und mit seinem ganzen Vermögen", und "dass man den Nächsten lieben soll so wie sich selbst" (Mt 22,37.39f)." (FC, 99)
"Denn der Glaube wird auf den Felsen des Bauwerks gestellt, die Liebe aber sind die Balken des Bauwerks, durch welche die Wände des Hauses zusammengehalten werden ..., wenn in ihr Spaltung gefunden wird, fällt der ganze Glaube zusammen." (FC, 113)
"Das, was unser Erlöser uns gelehrt hat, zeigt den Eifer der Liebe. Denn zunächst hat er sie in eigener Person vollkommen geübt, dann hat er sie seine Hörer gelehrt. Er hat unsere Feindschaft mit seinem Vater versöhnt, weil er uns geliebt hat, seine Schuldlosigkeit hat er für uns Schuldige dahingegeben. Der Gute litt für die Bösen Schmach. Der Reiche ist für uns arm geworden, der Lebendige ist für die Toten gestorben, und durch seinen Tod hat er unseren Tod zum Leben erweckt. Der Sohn des Herrn des Alls nahm um unseretwillen Knechtschaft an (vgl. Phil 2,7). Der, dem alles untertan ist, machte sich selbst zum Knecht, um uns aus der Knechtschaft der Sünde zu befreien." (FC, 115)
"Aber der Führer unseres Heeres ist größer als Gabriel und überragender als Michael und stärker als der Fürst Persiens: Er ist unser Herr und Lebendigmacher Jesus Christus, der kam, unsere Menschheit anzog, litt, versucht wurde im Leib, den er von uns angenommen hatte, um denen zu helfen, die verucht werden (vgl. Hebr 2,18;4,15). Denn er fastete für uns und besiegte unsere Feinde und gebot uns, zu fasten und allezeit zu wachen (vgl. Mt 26,41), damit wir durch die Kraft des reinen Fastens in seine Ruhe eindringen." (FC, 135)

b) Verhältnis von Askese und Gnade

Auch wenn Aphrahat sagt, dass es auch unabhängig von der Erlösung durch Christus geisterfüllte Gerechte gibt, so wird man doch sagen müssen, daß nach Christus im Normalfall die Taufe das Eintrittstor in ein geisterfülltes Leben ist. Der Mensch ist aber durch sein Tun aufgefordert, den Besitz des Geistes zu sichern. Wenn jedoch das Tun des Menschen so in den Vordergrund gestellt wird, wo bleibt da die Gnade Gottes, könnte man fragen. Die Gnade Gottes besteht darin, daß es immer wieder Gerechte auf Erden gibt. Freilich kennt Aphrahat auch das Zusammenspiel von Gnade und menschlichem Tun, wenn er es vielleicht so nicht explizit formuliert. Gott ermöglicht die Existenz von Gerechten, die es aber nur geben kann, wenn immer wieder Menschen bereit sind, diesen Weg zu gehen.

"Also lass dich überzeugen und sieh ein, daß es Gerechte auf Erden gibt und die Welt wegen der Aufrechten Bestand hat! Denn die Welt besteht nämlich durch die Gnade... Das aber ist die überragende Gnade, daß bis in Ewigkeit die Gerechten nicht aus der Welt verschwinden oder fehlen. Denn würden die Gerechten in der Welt fehlen, würde die Welt durch das Überfließen des Schuldenmaßes der Gottlosen im Zorn vergehen und die Gnade von der Verurteilung fordernden Gerechtigkeit bezwungen." (FC, 540)

Die Welt bedarf der Gerechten, denn solange sie gegenüber den Bösen in der Überzahl sind (was Aphrahat in seinem Optimismus annimmt), halten sie den Zorn Gottes zurück und bilden einen Schutzwall, der das Böse weitgehend fernhält. Immer wieder versucht aber der Böse eine Bresche durch die Mauer der Gerechten zu schlagen. Finden sich einmal nicht mehr genug Gerechte, um in die Bresche zu springen und die Mauer aufrecht zu erhalten, so kann das Böse eindringen, die Menschen verführen und dadurch den Zorn Gottes erregen, der dann die ganze Welt mit Unheil straft, das dann den Bösen wie den Gerechten trifft.
Letztlich ist es ein Geschenk Gottes, dass er uns erlöst hat. Er bedarf unserer Werke nicht, aber nur durch sie können wir Gott nahe kommen.

XXIII, 48 "Groß ist nämlich die Gabe des Guten an uns. Völlig frei will er uns in unseren Sünden rechtfertigen. Obgleich ihm unsere wohlgefälligen Werke nichts nützen, mahnte er uns, wohlgefällig zu sein...
49 Obgleich wir ihn nicht baten, hat er seine Gabe an uns, die noch nie bei uns gefunden wurde, zu uns geschickt. Er sandte Christus wie einen Menschen, um den Bösen und sein Heer lächerlich zu machen und das geschlagene Heer von uns zu vertreiben. Den Unschuldigen sandte er zu uns, damit er schuldig gesprochen und verurteilt würde und die Schuldigen in gerechtem Gericht freigesprochen würden. Er sandte den Starken in der Gestalt unserer Schwachheit, um unsere Schwäche gegen die Macht des Bösen zu stärken. Er zog den Leib aus Staub an und zog ihn zu seiner Natur." (FC, 558 f)

V. Schluss

Aphrahat geht es nicht um systematische Glaubensdefinition, sondern darum, zu zeigen, daß der Glaube trägt, daß Christus der Fels ist, auf dem der Mensch sein Leben aufbauen kann, daß Christus Gott ist, und wir nur dann wirklich Mensch werden, wenn wir des Geistes Gottes würdig sind indem wir Christus nachfolgen. Aphrahat will so mit seiner Christologie unmittelbar zur Begründung christlicher Ethik und Spiritualität beitragen. Was uns bleibt, ist in die Nachfolge Christi zu treten und Gott anzubeten.

XXIII, 60 "Wir haben von Adam bis jetzt wenig erfahren. Nur das eine wissen wir: "Einer ist Gott, einer sein Gesalbter, einer der Geist, ein Glaube und eine Taufe" (vgl. Eph 4,4-6). Mehr als dies frommt uns nicht zu sagen. Wenn wir sprechen, werden wir Mangel erleiden, wenn wir nachforschen, werden wir Schaden nehmen. Viele sind es, die den Weg verfehlten, den Pfad verließen und irrtümlich den Weg der Ärgernisse gegangen sind ..." (FC, 570)
XXIII, 61 "Gottes Wille trägt alles, und es gibt nichts, was außerhalb seines Willens läge. Wir aber, die wir wissen, daß Gott einer ist, wollen bekennen und anbeten, loben und erheben, rühmen und heiligen und seine Majestät preisen durch Jesus, seinen Sohn, der uns erwählt und in seine Nähe gerufen hat, durch den wir ihn erkannt haben und seine Anbeter geworden sind, Volk, Kirche und heilige Versammlung. Preis und Ehre sei Gott, dem Vater und seinem Sohn und seinem lebendigen und Heiligen Geist, aus dem Mund aller, die ihn preisen, oben und unten, in alle Ewigkeit! Amen. Amen." (FC, 572)



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