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  • 15.09.2015 15:15 - "Die Flüchtlinge wollen nach Deutschland"
von esther10 in Kategorie Allgemein.

14.09.2015

Caritas Salzburg berichtet von angespannter Flüchtlingslage


"Die Flüchtlinge wollen nach Deutschland"

Der Zugverkehr zwischen Deutschland und Österreich ist teilweise wieder aufgenommen. Ausgenommen ist zunächst die Strecke zwischen Salzburg und München. Deshalb müsse improvisiert werden, sagt Edda Böhm-Ingram von der Salzburger Caritas bei domradio.de

domradio: Wie sieht die Situation denn aus?

Edda Böhm-Ingram: Die Situation am Bahnhof in Salzburg spitzt sich etwas zu. Wir hatten uns gestern Abend, nachdem die Züge nach München eingestellt wurden, darauf eingerichtet, dass rund 520 Personen am Hauptbahnhof in der umfunktionierten Tiefgarage nächtigen. Der Platz wurde praktisch als Notlager zur Verfügung gestellt. Und zwar deswegen, weil sich die Flüchtlinge erfahrungsgemäß nicht weit weg vom Bahnhof aufhalten wollen, da sie nach Deutschland weiterreisen möchten. Dieses Lager wurde dann bis Mitternacht mit rund 1.000 Flüchtlingen aufgefüllt, die jetzt mit den teilweise eingesetzten Zügen nach Deutschland weiterfahren. Wir haben derzeit die Problematik, dass aus den vollen Lagern wie Nickelsdorf, wo 5.500 Personen auf die Weiterfahrt warten oder 5.000 Menschen in Heiligenkreuz, die Personen Richtung Deutschland nachrücken und in irgendeiner Form jetzt versuchen, über die deutsche Grenze zu kommen. Und das passiert jetzt auch teilweise über den Bahnhof in Salzburg.

domradio: Haben alle Beteiligten in Salzburg die Situation noch im Griff?

Edda Böhm-Ingram: Es gibt seit Mitte letzter Woche eine sehr gute Kooperation mit einem sich vier Mal täglich treffenden Krisenstab, an dem ÖBB, Polizei, Rotes Kreuz, Caritas und Stadt und Land Salzburg beteiligt sind. Ab Montagabend wird auch noch das Bundesheer mit unterstützen. Und die Hilfsbereitschaft der Salzburger Bevölkerung ist riesengroß. Wir hatten beispielsweise gestern aufgrund des großen Flüchtlingsandrangs keine Betten mehr zur Verfügung und haben dann um 20 Uhr einen kurzfristigen Aufruf gestartet, um Isomatten und Decken zu bekommen. Nach zwei Stunden mussten wir den Aufruf dann stoppen, weil die Salzburger Bevölkerung so schnell reagiert hat, dass wir die notwendigen Dinge innerhalb kurzer Zeit am Bahnhof hatten. Dafür möchte ich ein "Herzliches Dankeschön!" sagen. Das ist eine Solidarität in einer Größenordnung, die wir bislang noch nicht erlebt haben.

domradio: Wie reagieren denn die Flüchtlinge darauf, dass die Grenze geschlossen wurde und man nicht nach München weiterreisen konnte, wie eigentlich geplant?

Edda Böhm-Ingram: Das Wichtigste in dieser Situation sind die Dolmetscher. Diese werden auch über die Caritas organisiert. Man versucht, die Menschen schon am Bahnsteig darüber zu informieren, dass momentan keine Züge nach Deutschland fahren. Viele der Flüchtlinge wissen in dem Moment, in dem sie aus dem Zug aussteigen, gar nicht, wo sie sind. Viele denken, sie wären immer noch in Ungarn. Deshalb sind sie auch beruhigt, wenn sie hören, dass sie bereits in Österreich sind und auch weitergeleitet werden. Auch die Nacht in der Tiefgarage mit den über 1.000 Personen ist sehr ruhig geblieben. Es gab keinen einzigen Zwischenfall.

domradio.de: Hoffen Sie, dass Deutschland bald wieder die Grenzen öffnet? Müsste Österreich gleich vorgehen wie Deutschland, um die Situation wieder in den Griff zu kriegen?

Edda Böhm-Ingram: Ich denke, die Menschen wollen nach Deutschland, weil sie das Aussetzen des Dublin-Abkommens aus einer Rede von der deutschen Bundeskanzlerin Merkel in den Ohren haben. Das hat sich herumgesprochen. Die Tatsache, dass dies jedoch nur für die syrischen Flüchtlinge gilt und nicht für alle anderen, spielt in dieser Situation keine Rolle. Wir merken verstärkt, dass sich nicht nur syrische Flüchtlinge auf den Weg machen, sondern registrieren, dass auch viele Menschen aus anderen Ländern versuchen, auf diesem Weg nach Deutschland zu gelangen. Es sind die wenigsten, die versuchen, in Österreich einen Asylantrag zu stellen. Das kann sich vielleicht ändern, sollte sich das Kontingent der Flüchtlinge, die in Deutschland aufgenommen werden, reduzieren. Das ist aber etwas, das wir derzeit noch nicht abschätzen können.

Das Interview führte Dr. Christian Schlegel



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