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  • 18.09.2015 19:51 - „Wir sind nervlich am Ende“ – Irakische Christen in Jordanien glauben nicht mehr an Rückkehr in ihre Heimat
von esther10 in Kategorie Allgemein.

THEMEN DER WOCHE
KATHOLISCHE SONNTAGSZEITUNG FÜR DEUTSCHLAND
Ausgabe 38 vom 19./20. September

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„Wir sind nervlich am Ende“ – Irakische Christen in Jordanien glauben nicht mehr an Rückkehr in ihre Heimat

AMMAN – Rund 7000 christliche Flüchtlinge aus dem Irak leben in Jordanien. Die meisten sind vor IS-Milizen geflohen. An ein friedliches Zusammenleben von Christen und Muslimen in ihrer Heimat glauben sie nicht mehr.

Die Luft ist stickig im Pfarrsaal der St.-Teresa-Kirche in der jordanischen Großstadt Zarqa. In dem Saal reiht sich ein Holzverschlag an den nächsten. Rund 50 christliche Flüchtlinge aus dem Irak haben hier Unterschlupf gefunden. Sie leben auf engstem Raum und ohne Privatsphäre. In der Mitte des Saales stehen einige Tische und Stühle. Die einzige Sanitäranlage müssen sich die 50 Menschen teilen. „Das reicht gerade für zweimal duschen pro
Woche“, klagt eine Frau im mittleren Alter.
„Wir sind nervlich am Ende“, gesteht Bassam Hazim Abada. Der Arzt bewohnt mit seiner Frau Anwar und den beiden Kindern einen der winzigen Bretterverschläge. Bassam stammt ursprünglich aus Mossul, wie die meisten Flüchtlinge in

Zarqa. Die Millionenstadt im Norden des Irak zeichnete sich einst durch ihre multireligiöse Bevölkerung aus. Doch schon seit dem Einmarsch der USA und ihrer Verbündeten im Irakkrieg 2003 sei das Leben in Mossul für Christen unerträglich geworden, berichtet Bassam. Entführungen und Morde wurden quasi alltäglich. Seit 2005 hätten auch christliche Frauen nicht mehr ohne Kopftuch und Schleier aus dem Haus gehen können.
Angehörige ermordet

Jede Familie hier im Pfarrsaal von St. Teresa hat zumindest einen Angehörigen verloren: Neffen, Cousins, Brüder. Sie alle wurden ermordet, meist auf offener Straße – und das einfach so, weil sie Christen waren. Wer waren die Täter? Waren es islamistische Terroristen oder gewöhnliche Kriminelle? Bassam nennt sie „Banden“. Es seien die gleichen Leute, die nun auch beim „Islamischen Staat“ (IS) dabei sind.

„Das war kein Leben mehr in Mossul. Deshalb sind wir schon vor Jahren nach Karakosch geflohen“, berichtet Bassam. Die kleine, christlich geprägte Stadt, rund 25 Kilometer von Mossul entfernt, nahm Tausende Flüchtlinge auf. Bassam fand dort Arbeit in einem Krankenhaus. „Wir haben alle behandelt, Christen und auch Muslime“, erzählt er.

Im Juni 2014 eroberte die Terrororganisation IS Mossul. Zu dem Zeitpunkt sei es in Karakosch noch sicher gewesen. Doch Anfang August griffen die Terroristen auch
Karakosch an. Die Christen mussten in einer nächtlichen Aktion Hals über Kopf fliehen. Bassam und seine Familie spülte die Flucht über die kurdische Hauptstadt Erbil schließlich ins Nachbarland Jordanien: nach Zarqa, das an die Hauptstadt Amman angrenzt.
Frau Nagham – ihren vollen

Namen will die Irakerin nicht nennen – harrte bis zuletzt in Mossul aus. „Die IS-Leute haben uns aufgefordert, binnen 48 Stunden unser Haus zu verlassen – sonst würden sie unsere Kinder entführen“, erzählt sie mit brüchiger Stimme. Dann hätten die Milizen alle Häuser der Christen mit dem arabischen Buchstaben für „N“ markiert. Er steht für „Nazarener“: So bezeichnen arabische Muslime Christen.

Am 18. Juli 2014 floh Nagham aus ihrem Haus – und musste dabei noch mitansehen, wie die muslimischen Nachbarn sofort zu plündern begannen. „Die waren froh, dass der IS kam, damit sie unser Hab und Gut rauben konnten“, sagt sie verbittert. Auf ihrer Flucht lief sie dann auch noch einigen IS-Leuten in die Hände und wäre um ein Haar erschossen worden.

Die christlichen Flüchtlinge aus dem Irak sind in der Regel sehr gebildet. Ärzte wie Bassam sind keine Ausnahme. Auch Nagham war an der Universität Mossul angestellt. Hier in Jordanien dürfen sie als Flüchtlinge aber nicht arbeiten – abgesehen davon, dass es kaum Arbeit gibt. „Wir können nichts tun, nur warten“, sagt Bassam. Er will eigentlich weiter zu seinem Bruder in Kanada. Doch jetzt sitzt die Familie hier fest. Zumindest können seine zwei Kinder – mit Unterstützung der Caritas – die Schule besuchen.
Hilfe durch die Caritas

Ob er jemals nach Kanada kommen wird? Bassam zuckt mit den Schultern. Jetzt muss er erst mal eine dringende Augenoperation überstehen. Auch bei den Kosten für medizinische Behandlungen hilft die Caritas. Sie versorgt rund 1000 der 7000 irakischen christlichen Flüchtlinge in Jordanien.

Niemand im Pfarrsaal von St. Teresa glaubt, dass er je nach Karakosch oder Mossul zurückkehren wird. Zu viel Schreckliches haben sie dort erlebt. „Wir glauben keinem Muslim mehr“, sagen Bassam und seine Frau. Sie sprechen für alle im Saal.
Georg Pulling



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