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von 27.02.2013 12:46

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2. WOCHE - MITTWOCH

15

DEN KELCH DES HERRN TRINKEN

Wir können es: der Herr läßt uns nicht im Stich, wenn wir in seiner Nachfolge auf das Kreuz stoßen.
Leid und Schmerz - Weg der Erlösung. Kleine Überwindungen im Alltag.
»Miterlöser« werden. Dem Nächsten dienen.

I. Jesus ist mit seinen Jüngern auf dem Weg nach Jerusalem. Unterwegs kommt er, nun schon zum dritten Mal, auf sein Leiden, seinen Tod und seine Auferstehung zu sprechen. Unweit von Jericho legt der Herr eine Rast ein. Da tritt eine Frau an ihn heran, die Mutter des Jakobus und des Johannes. Matthäus berichtet: Sie fiel vor ihm nieder, weil sie ihn um etwas bitten wollte (...): Versprich, daß meine beiden Söhne in deinem Reich rechts und links neben dir sitzen dürfen.1 Die Antwort des Herrn richtet sich unmittelbar an die zwei Jünger: Ihr wißt nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? Sie sagten zu ihm: Wir können es.2

Wir erinnern uns an eine andere Stelle des Evangeliums: Doch die Zwölf verstanden das alles nicht; der Sinn der Worte war ihnen verschlossen, und sie begriffen nicht, was er sagte.3 Wahrscheinlich haben die beiden Brüder die Tragweite des Wortes Jesu auch diesmal nicht begriffen. Ihr Wir können es mag naiv und wenig durchdacht gewesen sein, aber aus dieser Antwort spricht eine erfrischende Bereitschaft, alles zu tun, was die Nachfolge mit sich bringen wird. Es ist, als ob sie dem Herrn sagen möchten: Wir kennen dich, und du kennst uns, du wirst uns nicht im Stich lassen, wenn wir etwas wagen.

Die heilige Theresia von Avila zieht eine spirituelle Nutzanwendung aus dieser Episode: »Die göttliche Majestät weiß viel besser, was uns ansteht; es gibt daher keinen Grund, dem Herrn zu raten, was er uns gewähren soll, mit Fug wird er uns sagen können, daß wir nicht wissen, worum wir bitten.«4

Der Dialog zwischen Jesus und den beiden Jüngern vollzieht sich auf verschiedenen Ebenen: Johannes und Jakobus erbitten sich einen Ehrenplatz im kommenden Reich, Jesus aber spricht von der Erlösung, die er in Schmach und Schande vollziehen wird. Er fragt sie, ob sie bereit sind, mit ihm zu leiden. Dabei bedient er sich des jüdischen Bildes des Kelches, das für den Willen Gottes über einen Menschen steht5.

Den Kelch eines anderen zu leeren war Zeichen tiefer Freundschaft und der Bereitschaft, das Schicksal mit dem Freund zu teilen. Nachfolge heißt Bereitschaft zum Trinken des Kelches. Und die Herrlichkeit, an welcher die zwei Jünger teilnehmen wollen, ist nur durch Kreuzesteilnahme zu erlangen.

Seid ihr bereit, mit mir zu leiden? Könnt ihr mit mir den Kelch trinken? Wir können es, antworteten die beiden Apostel. Jakobus starb wenige Jahre später, Herodes ließ ihn enthaupten6. Johannes erlitt aus Liebe zum Herrn Leid und Verfolgung. »Auch uns ruft er, auch uns fragt er, wie er Jakobus und Johannes gefragt hat: Potestis bibere calicem, quem ego bibiturus sum? (Mt 20,22). Könnt ihr den Kelch trinken - diesen Kelch der vollkommenen Ergebenheit in den Willen des Vaters -, den ich trinken werde? Possumus! (Mt 20,22). Ja, wir können es!, antworten Johannes und Jakobus. Ihr und ich, sind wir ernsthaft bereit, in allem den Willen unseres Vaters zu erfüllen? Haben wir dem Herrn das ganze Herz hingegeben? Oder kleben wir noch an uns selbst, unserem Eigennutz, unserer Bequemlichkeit, unserer Eigenliebe? Ist da noch etwas in uns, das unserem Christsein nicht entspricht, und woran liegt es, daß wir uns nicht läutern wollen? Heute haben wir Gelegenheit, dies abzulegen.«7

II. Ein Kirchenvater kommentiert die Reaktion des Herrn auf die mütterliche Bitte so: »Jesus wußte sehr wohl, daß sie stark genug waren, ihm auf seinem Kreuzweg nachzufolgen. Aber er stellte ihnen diese Frage unseretwegen, damit wir erfahren, daß niemand mit Jesus herrschen kann, wenn er nicht zuvor denselben Weg gegangen ist wie er; Dinge von hohem Wert nämlich sind nur zu einem hohen Preis zu erwerben.«8 Mit anderen Worten: Es gibt kein christliches Leben ohne das Kreuz. »Der Herr hat uns erlöst durch das Kreuz; mit seinem Tod hat er uns die Hoffnung zurückgegeben, das Recht auf Leben. Wir können daher Jesus nicht preisen, wenn wir ihn nicht als unseren Erlöser anerkennen, wenn wir ihm nicht im Geheimnis des Kreuzes unsere Ergebung bezeugen ... Der Herr verwandelte den Schmerz in ein Werkzeug der Erlösung; mit seinem Schmerz hat er uns unter der Voraussetzung errettet, daß wir nicht davor zurückscheuen, unseren Schmerz mit dem seinen zu vereinen und so aus beiden zusammen ein Werkzeug der Erlösung zu machen.«9

Das Leiden Christi läßt eigenes Leid zur Teilhabe am Werk der Erlösung werden. Was zuvor sinnlos erschien, erhält in Christus jetzt Sinn. Von da her ahnen wir die Tragweite der paulinischen Worte: Das alles erdulde ich um der Auserwählten willen, damit auch sie das Heil in Christus Jesus und die ewige Herrlichkeit erlangen.10

In der Fastenzeit stehen uns Abtötung und Buße deutlicher als sonst vor Augen, da wir des erlösenden Leidens unseres Herrn gedenken. Wir trinken den Kelch, den er trinken wird und der zum Kelch des Segens11 für alle Menschen werden wird. Die Worte der Konzilskonstitution »Gaudium et Spes« über die Mühsal menschlicher Arbeit gelten noch eindringlicher für Leid und Schmerz: »Durch seine Gott dargebrachte Arbeit verbindet der Mensch sich mit dem Erlösungswerk Jesu Christi selbst«12. Freiwillige kleine Abtötungen und das Ertragen unerwarteter Mißlichkeiten lassen uns am Erlösungsgeschehen teilhaben. Wir werden zu Mitträgern des Kreuzes Christi, in seiner Kraft zu Miterlösern unter ihm.

Dabei sind wir selbst die ersten Nutznießer. Denn die freiwillige Abtötung bedeutet Läuterung, und die ist unverzichtbar für ein kontinuierliches Gebet und für ein apostolisches Wirken, denn »das Tun ist ohne das Gebet nichts wert: das Gebet wird wertvoller durch das Opfer.«13

Buße und Abtötung entzünden sich an den ganz normalen, nur selten an außergewöhnlichen Situationen des Alltags. »Buße heißt, den Stundenplan genau zu erfüllen, den du dir vorgenommen hast, auch wenn das dem Leib widerstrebt oder wenn deine Gedanken in utopische Träume flüchten möchten. Buße heißt, zur festgesetzten Zeit aufzustehen. Buße heißt auch, eine schwierige, mühevolle Arbeit nicht ohne Grund auf später zu verschieben.

Zur Buße gehört, daß du deine Pflichten gegen Gott, gegen deine Mitmenschen und gegen dich selbst miteinander zu vereinbaren verstehst, indem du dich so forderst, daß du die nötige Zeit für die jeweilige Aufgabe findest. Du bist ein Büßer, wenn du dich der für das Gebet eingeplanten Zeit in Liebe unterwirfst, magst du dich auch erschöpft, lustlos oder innerlich kalt fühlen.

Buße heißt, ein Höchstmaß an Nächstenliebe im Umgang mit deinen Mitmenschen zu zeigen, ganz besonders denen gegenüber, die dir nahestehen. Buße heißt, zartfühlend zu sein mit den Trauernden, den Kranken, den Leidgeprüften und geduldig mit Menschen, die dir lästig fallen oder ungelegen kommen. Buße heißt, daß wir unsere Planungen umwerfen oder verschieben, wenn die Umstände es erfordern, und vor allem, wenn dies den guten, vernünftigen Anliegen unserer Mitmenschen zugute kommt.

Zur Buße gehört, daß wir mit guter Laune den tausend kleinen Widerwärtigkeiten des Alltags begegnen; daß wir unsere Beschäftigung nicht aufgeben, auch wenn der freudige Schwung des Anfangs sich nicht mehr einstellen will; daß wir dankbar essen, was auf den Tisch kommt, und uns diesbezüglich Extravaganzen versagen.

Für die Eltern und überhaupt für alle, die eine leitende oder erzieherische Aufgabe haben, bedeutet Buße, daß sie zurechtweisen, wenn es nötig ist, nachdem sie die Art des Fehlers und die persönlichen Voraussetzungen dessen, dem sie helfen wollen, berücksichtigt haben, ohne sich von albernen und sentimentalen subjektiven Erwägungen beirren zu lassen.

Der Geist der Buße führt dazu, daß wir uns nicht von Kolossalgemälden zukünftiger Pläne fesseln lassen, an denen wir innerlich mit genialem Pinsel arbeiten möchten. Wie freut sich Gott, wenn wir es fertigbringen, auf das Gekritzel und Gestrichel eines kleinen Gernegroß zu verzichten und ihm Pinselführung und Farbtöne zu überlassen.«14

III. Die übrigen Jünger wurden ärgerlich über das Gespräch zwischen Jesus und den beiden Brüdern. Jesus sagte daraufhin zu ihnen: Ihr wißt, daß die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen mißbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.15

Wieder einmal wird die Verhaltensregel, die Christus seinen Jüngern gibt, mit einem Hinweis auf ihn, den Menschensohn, veranschaulicht. Höhepunkt seines Dienstes an den Menschen ist das Kreuz, doch auch jeder Augenblick seines Lebens im Dienste der Bedürftigen - und jeder Mensch ist ein Bedürftiger - ist Erlösung. Und das gilt auch für uns: Wenn wir ein Gespür für das Göttliche besitzen, wird alles, selbst das scheinbar Belanglose, von dem Willen geprägt sein, anderen zu helfen, ihnen zu dienen, Tag für Tag. Unser Dienst darf nicht dort haltmachen, wo mit Dank oder Gegenleistung nicht zu rechnen ist. Ja, es ist dies geradezu die sinnvollste Art und Weise, auf Christus schauend das Leben hinzugeben für andere: ihnen unauffällig und wirksam zu Diensten sein. Gleichzeitig bekämpfen wir so die Ichsucht in uns und entdecken eine ganz neue Art der Freude.

Die Haltung des Dienens ist ohnehin in zahlreichen Berufen vorgegeben: Hausfrauen, Ärzte oder Lehrer leisten einen unmittelbaren Dienst für andere. In anderen Berufen mag dies nicht so deutlich hervortreten; möglich ist es aber und nötig, wenn wir die Arbeit wirklich zum Mittel der eigenen Heiligung und der Heiligung unserer Mitmenschen werden lassen wollen.

Die Haltung des Dienens setzt die Gegenwart Gottes voraus. Denn vor Gott fällt die Selbstüberwindung, in Form kleiner Abtötungen, leichter. Menschen, die nur ihr eigenes Vorankommen im Auge haben, mögen dies nicht verstehen. Und doch wissen wir Christen, daß wir besser als sie abschneiden: nicht nur weil wir in der Nachfolge Christi stehen, sondern auch weil wir dabei zahlreiche natürliche Tugenden üben, die uns menschlich bereichern.

Mit Christus gemeinsam und um Christi willen zu dienen heißt, mit ihm zu herrschen. Maria, die ganz für ihren Sohn und den heiligen Josef da war, möge uns helfen, Diener der anderen zu sein.

1 Mt 20,21-22. - 2 Mt 20,22. - 3 Lk 18,34. - 4 Theresia von Avila, Die innere Burg, 11,8. - 5 vgl. Ps 16,5. - 6 vgl. Apg 12,2. - 7 J. Escrivá, Christus begegnen, 15. - 8 Johannes Chrysostomos, Homilien über das Matthäusevangelium, 35. - 9 Paul VI., Ansprache, 24.2.1967. - 10 2 Tim 2,10. - 11 vgl. Jes 51,17-22. - 12 II. Vat. Konz., Konst. Gaudium et Spes, 67. - 13 J. Escrivá, Der Weg, Nr. 81. - 14 ders., Freunde Gottes, 138. - 15 Mt 20, 24-28.

von 26.02.2013 04:44

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2. WOCHE - DIENSTAG

14

DEMUT als DIENSTBEREITSCHAFT

Demut und Dienst am Nächsten gehören zusammen.
Jesus ist höchstes Vorbild für Demut und Hingabe.
Denen besonders dienen, die der Herr uns an die Seite gestellt hat. Maria, Magd des Herrn.

I. Im Evangelium der heutigen Messe tadelt der Herr das Verhalten der Schriftgelehrten und Pharisäer: Sie haben sich auf den Stuhl des Mose gesetzt. (...) Alles, was sie tun, tun sie nur, damit die Menschen es sehen1. Sie kümmern sich um die Breite ihrer Gebetsriemen und um die Länge der Quasten, sie drängen sich nach dem Ehrenplatz bei einem Festmahl. Auch auf die Art und Weise, wie die Leute sie grüßen, achten sie peinlich - man solle sie Rabbi, Meister nennen. Aber um die Leute selbst kümmern sie sich nicht. Die ihnen Anvertrauten bleiben sich selbst überlassen, müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben2. Jene, die Salz und Licht für das Volk Israel sein sollten, versagen. Die Sorge um die Ehre Gottes tauschten sie ein gegen die Sorge um ihre eigene Ehre. Da bleibt kein Platz für Demut und Dienstbereitschaft: nur für Hochmut und Ruhmsucht. So ist es unmöglich, Gott zu dienen. Und der Dienst am Nächsten wird zu einer Farce - ist bloß eine andere Art, nur selbst wieder im Mittelpunkt zu stehen.

Vor diesem trostlosen Hintergrund vernehmen wir das Wort des Herrn an seine Jünger: Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen. Und dann, wie in einer Umkehrung aller natürlichen menschlichen Neigungen: Der Größte von euch soll euer Diener sein3. Der Herr bekräftigt sein Wort mit einem konkreten Beispiel: Welcher von beiden ist größer: wer bei Tisch sitzt oder wer bedient? Natürlich der, der bei Tisch sitzt. Ich aber bin unter euch wie der, der bedient.4

Ohne Demut und Dienstbereitschaft ist das Streben nach Heiligkeit nur Schein. Denken und Tun können Gott dann nicht mehr erreichen, und der Dienst an den Mitmenschen wird zur Selbstbespiegelung. Der Herr kann wenig mit Menschen anfangen, die eitel und eingebildet sind: »Gottes Werkzeuge sind immer die Demütigen.«5

Unser Bemühen um ein apostolisches Glaubenszeugnis und die kleinen Dienste, die wir anderen erweisen, dürfen nicht Anlaß zur Selbstgefälligkeit sein, denn es ist der Herr, der durch uns die Dinge bewegt. Auch als Dienende stehen unsere Möglichkeiten in keinem Verhältnis zu den übernatürlichen Früchten, die wir erstreben. Ohne das Geschenk der Gnade wären die größten Anstrengungen vergebens: Keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet.6 Allein durch die Gnade erlangen wir jene Kraft, Dinge zustandezubringen, die unsere eigenen Kräfte weit übersteigen. Gott tritt den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er seine Gnade.7

Deswegen ist das Bemühen um Demut so wichtig: »Die Demut wird uns zu großen Aufgaben befähigen, wenn wir nur das Bewußtsein der eigenen Kleinheit nicht in uns unterdrücken und wenn wir die eigene Erbärmlichkeit immer stärker empfinden.«8

Die Neigung, sich selbst zu suchen oder die anderen zur Kulisse eigener Profilierungssucht zu benutzen, braucht uns nicht zu beunruhigen, solange wir wachsam bleiben. Mangelnde Wachsamkeit kann dann verhängnisvoll werden, wenn wir dem Hochmut wie einem um sich greifenden Übel Raum geben, das alles, was von uns ausgeht, verdirbt. Alles - die Familie, die Freunde, die Arbeitskollegen - gerät dann in Mitleidenschaft. Da der Stolze meint, etwas Besseres zu sein, drängt es ihn nach stetiger Anerkennung, und er reagiert unverhältnismäßig auf jede Kleinigkeit, denn überall wittert er einen Angriff auf sich. Im Gespräch ist er intolerant und spart nicht mit spöttischen Bemerkungen, denn er will auf Kosten der anderen glänzen.

Wir wollen uns nicht weiter aufhalten bei einer derartigen Beschreibung. Diese Zeit des Gebetes mag uns Anlaß sein, in der Gegenwart Gottes zu prüfen, wie es mit uns selbst steht.

II. Das erhabenste Vorbild für Demut und Hingabe an den Nächsten ist Jesus Christus selbst. Niemand besaß je solche Würde, und niemand diente den Menschen je so selbstlos wie er: Ich aber bin unter euch wie der, der bedient. Nachfolge Christi darf dieses Wort des Herrn nicht aussparen. Aus der richtigen Einschätzung unserer Situation vor Gott, bedürftige Geschöpfe, die er beschenkt, folgt die Dienstbereitschaft dort, wo sich unser Leben abspielt: in der Familie, bei der Arbeit. Oft äußert sie sich in beiläufigen Gefälligkeiten, die man gar nicht eigens bemerkt. Doch das will gelernt sein. Beim Propheten Jesaja heißt es in der ersten Lesung der Messe vom Tage: Discite benefacere - lernt, Gutes zu tun.9 Und Lernen heißt für einen Christen, auf den zu schauen, der das Menschsein vollkommen verwirklicht hat: Ich habe euch ein Beispiel gegeben, sagt der Herr, nachdem er seinen Jüngern die Füße gewaschen hat, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.10

Der Herr gibt uns auf diesem Weg eine einfache, klare Regel an die Hand, die uns hilft, demütig und dienstbereit die Nächstenliebe zu leben: Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!11 Die eigene Erfahrung ist, wie so oft, ein guter Ratgeber, zu tun oder zu lassen, was uns selbst gefallen oder mißfallen hat, was hilfreich oder schädlich war.

Wie dankbar sind wir nach einer enttäuschenden Erfahrung für ein ermunterndes Wort, nach einer erfolglosen Mühe für eine anspornende Ermutigung! Wir wünschen uns ein anerkennendes Lob, wenn uns etwas gelungen ist, etwas weniger Starren auf eine Schwäche, die wir ohnehin schon kennen. Wir freuen uns, wenn zuhause oder am Arbeitsplatz ein freundlicher Umgangston herrscht oder wenn wir gefordert werden, ohne daß man uns unter Druck setzt. Wir sind dankbar, wenn wir erfahren, daß jemand uns vor ungerechter Kritik in Schutz genommen hat; oder für ein Zeichen des Mitgefühls, wenn wir krank sind; wenn uns wegen eines falschen Verhaltens jemand zurechtweist, ohne uns bloßzustellen; oder wenn jemand uns sagt, er habe für ein dringendes Anliegen von uns gebetet ... Das alles liefert den Hintergrund für unser eigenes Lernt, Gutes zu tun.

III. Der Größte von euch soll euer Diener sein12, sagt uns der Herr. Und deshalb gilt es, uns selbst zurückzunehmen und ein Gespür zu entwickeln für kleine Aufmerksamkeiten, die anderen gut tun: das treffende Wort zu finden - ein Wort der Aufmunterung, des Trostes, des Dankes -, eine Geste, die sie nicht erwarteten und die sie beflügeln kann.

Selbstsucht macht blind und unfähig, die Welt aus dem Blickwinkel der anderen zu sehen; Demut hingegen macht hellsichtig für konkrete Möglichkeiten der Nächstenliebe. Hellsichtige Demut und unauffällige Dienstbereitschaft wirken sich außerdem auf unsere Umgebung aus. Denn sie sind Äußerungen einer Liebe, die - so wie steter Tropfen den Stein höhlt - Kälte und Widerstand brechen. »Liebe bringt Liebe hervor« sagte Theresia von Avila13. Und Johannes vom Kreuz gibt den Rat: »Streu Liebe aus, wo es keine Liebe gibt, und du wirst Liebe ernten.«14

Der Apostel Paulus schreibt an die Christen von Thessaloniki ein wegweisendes Wort, das auch uns helfen kann: Wir (...) sind euch freundlich begegnet: Wie eine Mutter für ihr Kind sorgt, so waren wir euch zugetan und wollten euch nicht nur am Evangelium Gottes teilhaben lassen, sondern auch an unserem eigenen Leben15.

Freundlich begegnen ... Das gilt an erster Stelle jenen gegenüber, die uns nahestehen, ganz besonders der eigenen Familie. In einer Predigt erläutert Johannes Paul II. diese Haltung: »Der Gatte soll nicht nur seine eigenen Interessen suchen, sondern auch die seiner Frau und sie die ihres Gatten; die Eltern sollen die Interessen ihrer Kinder suchen und diese ihrerseits die Interessen ihrer Eltern. Die Familie ist die einzige Gemeinschaft, in der jeder Mensch >um seiner selbst willen geliebt wird< aufgrund dessen, was er ist, und nicht, was er hat. (...) Die Achtung dieser Grundregel erklärt, wie der Apostel lehrt, daß nichts aus Ehrgeiz oder Prahlerei getan wird, sondern in Demut, aus Liebe. Und diese Liebe, die sich den anderen öffnet, bewirkt, daß die Familienmitglieder echte Diener der >Hauskirche< sind, in der jeder auf das Wohl und das Glück des anderen bedacht ist und wo alle und jeder die Liebe dadurch verwirklichen, daß sie sich eifrig um dieses Wohl und dieses Glück bemühen«16.

Dann wird es schwieriger, den Splitter im Auge der anderen zu sehen, leichter indessen den Balken im eigenen Auge17.

Demut befähigt uns, die eigenen Fehler, die eigenen Erbärmlichkeiten zu erkennen. Und das versetzt uns in die Lage, den Schwächen der anderen mit helfendem Verständnis zu begegnen. Und wir lernen, sie anzunehmen und so zu lieben, wie sie sind - mit ihren Unzulänglichkeiten und Fehlern.

Unsere Liebe Frau ist die demütige Magd des Herrn; sie möge uns lehren, daß der Dienst an den anderen ein Weg zur eigenen Freude und der direkte Weg zu Christus ist.

1 Mt 23,2.5. - 2 vgl. Mt 23,1-12. - 3 vgl. Mt 23,8-11. - 4 Lk 22,27. - 5 Johannes Chrysostomos, Homilien über das Matthäusevangelium, 15. - 6 1 Kor 12,3. - 7 Jak 4,6. - 8 J. Escrivá, Freunde Gottes, 106. - 9 Jes 1,17. - 10 Joh 13,15. - 11 Mt 7,12. - 12 Mt 23,11. - 13 Theresia von Avila, Leben, 22,14. - 14 Johannes vom Kreuz, Brief an Maria von der Menschwerdung. - 15 1 Thess 2,7-8. - 16 Johannes Paul II., Predigt in der Messe für die Familien, Madrid 2.11.1982. - 17 vgl. Mt 7,3-5.

von 25.02.2013 20:39

FASTENZEIT
2. WOCHE - MONTAG

13

DAS GEWISSEN: LICHT DER SEELE


Unser Leben im Licht des Gewissens.
Das wohlgebildete Gewissen: Einheit von Lehre und Leben.
Die Klarheit des Gewissens als Wegweiser für andere.

I. Verhärtet euer Herz nicht, wenn ihr seine Stimme hört1, ist der beständige Ruf der Liturgie in dieser Fastenzeit.

»Unser Gebet will während dieser Fastenzeit das Gewissen wecken, es für die Stimme Gottes empfänglich machen. Verhärtet euer Herz nicht, sagt der Psalmist. Der Tod des Gewissens, die Gleichgültigkeit gegenüber Gut und Böse und seine Verirrungen sind in der Tat eine große Gefahr für den Menschen. Indirekt sind sie auch eine Gefahr für die ganze Gesellschaft, denn letzten Endes hängt der moralische Stand einer Gesellschaft vom persönlichen Gewissen des einzelnen ab.«2 Das Gewissen ist das Licht der Seele, das im Innersten des Menschen leuchtet; wenn dieses Licht erlischt, bleibt der Mensch im Dunkeln und läuft Gefahr, sich und anderen großen Schaden zuzufügen.

Dein Auge gibt dem Körper Licht3, sagt der Herr. Das Gewissen gibt der Seele Licht, es erhellt, wenn es wohlgebildet ist, den Weg zu Gott. Auch wenn der Mensch einmal stolpern und stürzen sollte, vermag er sich wieder zu erheben und weiterzugehen. Wer aber zugelassen hat, daß sein inneres Empfinden für die Dinge Gottes stumpf geworden oder gar erstorben ist, geht leicht in die Irre. Und könnte einem Menschen in diesem Leben ein größeres Unglück widerfahren? Weh denen, die das Böse gut und das Gute böse nennen, sagt der Prophet Jesaja, die die Finsternis zum Licht und das Licht zur Finsternis machen, die das Bittere süß und das Süße bitter machen.4

Wir können die Aufgabe des Gewissens in unserem Leben mit der des Auges vergleichen. Wenn dein Auge gesund ist, dann wird auch dein ganzer Körper hell sein. Wenn es aber krank ist, dann wir dein Körper finster sein. Achte also darauf, daß in dir nicht Finsternis statt Licht ist.5 Das gesunde Auge sieht die Dinge unverfälscht, so wie sie sind. Ein krankes Auge dagegen sieht nichts oder liefert ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit. Der Sehende wird getäuscht, er nimmt an, die Dinge seien so, wie sein krankes Auge sie ihm vorstellt.

Eine Fehleinschätzung in einer alltäglichen Kleinigkeit kann schwerwiegende Folgen haben. Und was erst, wenn es um alles geht?

Wenn wir das Glaubensgut nicht kontinuierlich vertiefen, muß unser Gewissen stumpf und lasch werden. Um so leichter können dann Hochmut, Trägheit oder unbeherrschte Sinnlichkeit den Willen in die Irre führen. Als der Herr einmal über die fehlende Aufnahmefähigkeit der Juden für seine Botschaft klagt, betont er, daß sie sich willentlich so entschieden haben - sie wollen nicht glauben6. Nicht unverschuldete Schwierigkeiten sind also das Hindernis, sondern eine bewußte Ablehnung. Warum versteht ihr nicht, was ich sage? Weil ihr nicht imstande seid, mein Wort zu hören.7

Der Impuls der Leidenschaften, gefolgt von mangelnder Aufrichtigkeit gegen sich selbst, vermag das Denken so zu steuern, bis es mit dem übereinstimmt, was man nicht aufzugeben bereit ist - das kann eine bestimmte Lebenseinstellung oder eine schlechte Gewohnheit sein. Es fehlt dann am guten Willen, das Herz verhärtet sich, und das verkümmerte Gewissen vermag wie ein schadhafter Kompaß, der in die Irre führt, nicht mehr zu orientieren.

Umgekehrt ist es, wenn das Gewissen auf Gott hört: »Etwas wankt da, wenn ich versage; wird gefährdet, zerrissen. Überwinde ich aber, dann wächst etwas sehr Tiefes, etwas Heilig-Lebendiges. In solchen Forderungen ist mehr gegenwärtig als bloßes >Sittengesetz<. Gott ist darin nahe. Und im Maße das Gewissen nicht nur wach, sondern fromm wird, im selben Maße gibt sich alles sittliche Sollen als Drängen des heiligen Gottes kund. Der Lebendige Gott spricht in der Stimme des Gewissens. Die Entscheidungsbewegung aus dem Gewissen heraus ist eine Bewegung in Gott hinein. Das Tun, welches das Gewissen fordert, ist heiliges Tun; ist ein Raumgeben für das Verlangen Gottes, der in unser Dasein eintreten will.«8

II. Das erleuchtete Gewissen verdankt sich nicht sich selbst, sondern Gott. Ich bin das Licht der Welt, hat Christus gesagt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen9. Sein Licht erleuchtet unser Gewissen, ja es vermag uns selbst in Licht zu verwandeln, das anderen Menschen den Weg erhellt: Ihr seid das Licht der Welt10. Der Herr stellt uns Christen mitten in die Welt, damit wir unseren Mitmenschen auf ihrem Lebenswege Licht sein können. Dazu müssen wir wissen, wo die Grenzen liegen, jenseits derer die menschliche Würde und die christliche Moral verletzt werden. Wir brauchen Klarheit über das Gute, das wir tun können, damit wir es auch tun, und über das Böse, damit wir es unterlassen. Auch die mutige Anerkennung eines Fehlers, der vielleicht nach Entschuldigung und Wiedergutmachung ruft, gehört dazu. Die Hausfrau wird sich im Gebet fragen, ob sie ihre Pflichten im Bewußtsein erfüllt, daß sie sich bei der Hausarbeit heiligt, ob sie es versteht, die schlechte Laune nicht bei anderen abzureagieren, ob sie den Kindern und dem Ehemann die nötige Zeit widmet ... Der Unternehmer wird sich fragen, ob er die Soziallehre der Kirche wirklich kennt.

Das christliche Leben wird dichter und reicher, wenn jemand bemüht ist, in den Dingen des Alltags die Lehren, die der Herr uns durch seine Kirche gibt, in die Tat umzusetzen. Nur so gewinnt sie ihre ganze Wirkkraft. Es entsteht eine Einheit von Lehre und Leben als Folge eines reifen Gewissens.

Wir brauchen ein ehrliches und feinfühliges Gewissen, das mit Leichtigkeit die Stimme Gottes aus den Dingen des Alltags heraushört. Sich in der Moral auszukennen und das Bemühen, die christlichen Tugenden, in Einheit von Lehre und Leben, zu üben, sind die zwei entscheidenden Aspekte der Gewissensbildung. Tritt einmal eine schwer durchschaubare Situation auf, bedenken wir sie zuerst einmal selbst in der Gegenwart Gottes und holen uns dann - wenn nötig - einen erfahrenen Rat. Aber auch in diesen Fällen ist das eigene Gewissen weder ersetzbar noch übertragbar.

Die allgemeine Gewissenserforschung, die den Tag als ganzen überschlägt, und die besondere Gewissenserforschung, die sich auf einen bestimmten Punkt unseres geistlichen Lebens bezieht, sind eine gute Hilfe, uns selbst gegenüber ehrlich zu sein, unsere Fehler und Schwächen nicht zu verdrängen, Kleinmut beim Namen zu nennen, fadenscheinige Rechtfertigungen und Allgemeinplätze nicht gelten zu lassen. Ein Gewissen, das den Mut nicht aufbringt, Sünden beim Namen zu nennen, überläßt den Menschen seiner Willkür.

III. Ein Wanderer, der ans Ziel gelangen will, freut sich über klare Wegmarkierungen, selbst wenn sie ihm auch einmal einen engeren und schwierigeren Pfad weisen. Ein Weg, der zwar breit und leicht zu begehen ist, aber nirgendwohin führt, interessiert ihn nicht. Und da wir ja alle unterwegs sind, ist das Beispiel nicht so abwegig. Es ist wichtig, das Gewissen zu schärfen, denn in seinem Lichte unterscheiden wir Gut und Böse, erkennen wir, wann wir uns neu orientieren müssen - vielleicht mit einer Bitte um Vergebung beginnend -, und wir finden den geraden Weg wieder, wenn wir uns einmal verlaufen haben.

So mündet unser heutiges Gebet in konkrete Fragen ein: Ist die Zeit, die ich meiner geistlichen Bildung widme, ausreichend, oder lasse ich mich zu leicht ablenken durch belanglose Beschäftigungen? Bemühe ich mich um meine christliche Bildung, indem ich regelmäßig die Lektüre pflege, die man mir im geistlichen Gespräch angeraten hat? Bin ich treu und loyal gegenüber den Anweisungen des kirchlichen Lehramtes? Betrachte ich sie als eine Hilfe zur Glaubensfindung im Licht der einen Wahrheit, so daß ich gut gerüstet bin, wenn mir irrige Auffassungen in Glaubensfragen, in Fragen der Soziallehre der Kirche usw. begegnen? Habe ich den Mut, die Lehre der Kirche weiterzugeben? Läutere ich oft genug meine Absichten, und verrichte ich meine Arbeit auf Gott hin? Bedenke ich dabei, daß durch die menschliche Neigung nach Beifall und Lob das Gewissen bestechlich werden kann?

Aber nicht nur wir brauchen Licht, alle brauchen es. Das ist ein weiterer Aspekt unserer Verantwortung. Wir Christen können nach dem Willen Gottes Fackeln in einer Welt sein, die oft recht düster ist. Eine gute Vorbereitung freilich ist dafür nötig: »Denn eine Fülle von Menschen wird auf uns zukommen, und sie werden fragen, konkret und auch fordernd: >Gut. Was also ist zu tun?<«11 Die eigenen Kinder, die Verwandten, die Arbeitskollegen, die Freunde, sie alle merken sich unser Verhalten, sie haben ein Recht darauf, daß ihr Weg zu Gott durch uns gangbarer wird. Aber der Herr spricht einmal von Blindenführern, die selbst blind sind12 - als ob er uns sagen möchte, daß es unmöglich ist, für das Leben und für den Glauben der anderen eine Stütze zu sein, wenn wir Christus nur vom Hörensagen - sozusagen aus zweiter Hand - kennen. Gregor der Große bemerkt knapp dazu: »Wer dazu berufen ist, Großes auszusprechen, ist auch dazu verpflichtet, Großes zu üben.«13 Ansporn für die anderen sein wollen: Dies ist ein zusätzlicher Gesichtspunkt, den Umgang mit Gott zu pflegen, eine bessere Kenntnis seiner Lehre zu erstreben, die wunden Punkte in unserem Christsein zu überwinden.

Als Jesus seine Jünger lehrte, wie sie die Haltung des Dienens zur Richtschnur des Umgangs miteinander machen sollten, band er sich selbst ein Tuch um und wusch ihnen die Füße14. Anschaulich unterstrich er so seine Worte. Er lehrt uns, wie unser Zeugnis für ihn sein soll. Ein Tun, das zum Vorbild wird, bekräftigt das Wort und verwandelt es in Leben.

1 Ps 95,8. - 2 Johannes Paul II., Angelus, 15.3.1981. - 3 Lk 11,34. - 4 Jes 5,20-21. - 5 Lk 11,34-35. - 6 vgl. Lk 13,34; Joh 10,38. - 7 Joh 8,43. - 8 R. Guardini, Vom lebendigen Gott, Mainz 1987, S.56 - 9 Joh 8,12. - 10 Mt 5,14. - 11 J. Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr. 221. - 12 vgl. Mt 15,14. - 13 Gregor der Große, Pastoralregel, 2,3. - 14 vgl. Joh 13,15

von 24.02.2013 07:47

ZWEITER FASTENSONNTAG

12

VOM BERGE TABOR NACH GOLGOTA

Gott suchen - in außerordentlichen wie in gewöhnlichen Situationen.
Die Hoffnung auf die Vollendung im Himmel: »Es lohnt sich!«
Tieferes Bewußtsein der Gegenwart Gottes.

I. Mein Herz denkt an dein Wort: Sucht mein Angesicht! Dein Angesicht, Herr, will ich suchen. Verbirg nicht dein Gesicht vor mir, beten wir im Eröffnungsvers der heutigen Messe1. Das Evangelium berichtet uns das Geschehen auf dem Berge Tabor. Kurz zuvor hatte Jesus seinen Jüngern in Cäsarea Philippi gesagt: Der Menschensohn muß vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er wird getötet werden ...2 Die Apostel erschraken bei dieser Ankündigung und wurden traurig. Darauf nahm Jesus den Simon Petrus, Jakobus und Johannes mit sich3 und zog sich zurück, um zu beten4. Es sind die drei Jünger, die später am Ölberg Zeugen seiner Todesangst werden sollten. Und während er betete, veränderte sich das Aussehen seines Gesichtes, und sein Gewand wurde leuchtend weiß.5 Die drei Apostel werden Zeugen des Gesprächs Jesu mit Mose und Elija, die in strahlendem Lichte plötzlich bei Jesus sind und von seinem Tod sprechen, der sich in Jerusalem ereignen wird.6

Tagelang waren die Apostel wegen der Ankündigung von Cäsarea Philippi niedergedrückt. Doch Jesu Wohlwollen läßt die drei nunmehr Zeugen seiner Verklärung werden. Leo der Große sagt dazu: »Der Hauptgrund für die Verklärung bestand darin, die Herzen der Jünger freizumachen vom Ärgernis des Kreuzestodes«1. Niemals werden die Apostel jene lichte Erscheinung vergessen, in der Jesus inmitten ihrer Bitternis für einige Augenblicke aufleuchtet. Jahre später wird der heilige Petrus sich das Erlebnis von damals vergegenwärtigen: Christus hörte die Stimme der erhabenen Herrlichkeit, die zu ihm sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe. Diese Stimme, die vom Himmel kam, haben wir gehört, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren8.

Das Aufleuchten der göttlichen Herrlichkeit versetzt die Apostel in einen Zustand unsagbaren Glücks. Und wenn Petrus versucht, etwas zu sagen, gelingt ihm nur eine rührend naive Äußerung: Meister, es ist gut, daß wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen ... Er möchte die Zeit anhalten.

Der Evangelist bemerkt nüchtern: Er wußte aber nicht, was er sagte. Es ist, als ob er uns ermahnen möchte: Nicht auf eine uns überwältigende Gegenwart Jesu kommt es an, sondern auf die schlichte Nähe zu ihm, die uns alles verkraften läßt: das beglückendste Erlebnis eines persönlichen Triumphes wie die bedrückendste Erfahrung einer bösen Krankheit. Auf ihn schauen und sich in seiner Nähe wissen: darauf kommt es an. Nebenbei gesagt: dadurch entschwinden uns nicht Welt und Mitmenschen - im Gegenteil: alles bleibt, aber jetzt vom Lichte Christi erhellt. Das Gebet des Psalmisten kann zu einem Stoßgebet für unseren Alltag werden: Vultum tuum, Domine, requiram. - Dein Angesicht, Herr, will ich suchen.9

II. Ein Kirchenvater erläutert den Bericht von der Verklärung mit dem Hinweis, daß der Herr den drei Aposteln »erlaubte, für ganz kurze Zeit die ewige Glückseligkeit zu schauen, damit sie die Kraft gewännen, den kommenden Anfeindungen zu widerstehen.«10 Die Annahme liegt nahe, daß die Erinnerung an Tabor die drei Apostel später in vielen schwierigen Situationen in ihrer Treue bestärkte.

Jeder weiß, daß das menschliche Leben ein Unterwegssein ist, das irgendwann einmal endet. Für einen Christen ist dieses »Ende« die Vollendung einer Pilgerfahrt in unserer himmlischen Heimstatt11. Aber dieses Wissen macht den irdischen Weg deswegen nicht weniger rauh, steil, beschwerlich, und nicht seiten tückisch. jedoch trägt uns die tröstliche Verheißung des Himmels über alle Hindernisse hinweg, besonders dann, wenn sie von unserer menschlichen Schwäche herrühren: »In der Stunde der Versuchung solltest du die Liebe vor Augen haben, die im Himmel auf dich wartet: pflege die Tugend der Hoffnung. Das bedeutet keineswegs Mangel an Selbstlosigkeit.«12

Erst in der vollen Gemeinschaft mit Gott sind Angst, Ungewißheit und das quälende Streben nach Unerreichbarem gebannt. Erst dann wird der naive Wunsch des Petrus Wirklichkeit: Meister, es ist gut, daß wir hier sind! Die Herrlichkeit, die den Apostel damals blendete, wird dann unser Besitz für immer sein. »Stellen wir uns vor, wie der Himmel sein wird. Kein Auge hat geschaut, kein Ohr gehört, in keines Menschen Herz ist es gedrungen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. Könnt ihr euch vorstellen, was es bedeutet, dorthin zu gelangen, Gott gegenüberzutreten, in jene Herrlichkeit und Liebe, die sich in unsere Herzen ergießt und die den Hunger stillt, ohne zu sättigen? Ich frage mich häufig: Wie wird es sein, wenn sich die ganze Schönheit, die ganze Güte und die ganze unendliche Herrlichkeit Gottes in dieses arme tönerne Gefäß ergießen wird, das ich bin und jeder einzelne von uns? Und dann verstehe ich auf einmal jene Worte des Apostels: Kein Auge hat gesehen, kein Ohr gehört... Es lohnt sich, meine Kinder, es lohnt sich.«13

Der Gedanke an die verheißene Herrlichkeit des Himmels kann uns auf unserem Weg beflügeln, wenn wir uns müde fühlen. Eigentlich ist dies das einzige Gut, das letzten Endes lohnenswert ist. »Seid ihr immer entschlossen, lieber zu sterben als nachzulassen im Streben, das Ziel des Weges zu erreichen, so wird euch der Herr, wenn er euch in diesem Leben auch einigen Durst leiden läßt, im ewigen Leben in aller Fülle zu trinken geben. Ihr habt dann nicht mehr zu fürchten, daß es euch je an Wasser fehlen werde. Gott gebe nur, daß wir es jetzt nicht an uns fehlen lassen!«14

III. Da kam eine Wolke und warf ihren Schatten auf sie15. Die Wolke begegnet uns im Alten Testament als Zeichen der Anwesenheit Gottes: Dann verhüllte die Wolke das Offenbarungszelt, und die Herrlichkeit des Herrn erfüllte die Wohnstätte16. Sie kündigt das Sprechen Gottes an: Der Herr sprach zu Mose: Ich werde zu dir in einer dichten Wolke kommen; das Volk soll es hören, wenn ich mit dir rede, damit sie auch an dich immer glauben17. Die Wolke auf dem Berg Tabor umhüllt Christus, und Gott spricht: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe

In Jesus Christus ist Gott gegenwärtig, durch ihn spricht der göttliche Vater durch die Jahrhunderte zu allen Menschen. Seine Stimme bleibt besonders in der Verkündigung der Kirche durch die Zeiten hindurch vernehmbar. Diese »sucht ständig nach Wegen, um dieses Geheimnis ihres Meisters und Herrn dem Menschengeschlecht nahezubringen: den Völkern, den Nationen, den aufeinanderfolgenden Generationen, vor allem jedem einzelnen Menschen.«18

Und als sie aufblickten, sahen sie nur noch Jesuss19. Sie sahen den Jesus, den sie kannten; jenen Jesus, den sie in ihrer vollen Menschlichkeit erlebt hatten, hungrig, müde, hilfsbedürftig. Die Gewahrung der göttlichen Herrlichkeit währte nur für Momente, dann waren sie wieder im Alltag - doch beim Herrn.

Jesus gewahren - bei ihm sein im Alltag. Das ist die Lehre des heutigen Evangeliums für unser geistliches Leben: Jesus begegnen in unserem Alltag, bei der Arbeit, auf der Straße, im Gebet und in den Menschen, wie auch dem Jesus, der uns in der Beichte vergibt und der in der Eucharistie wahrhaft, wirklich und wesenhaft

Vieles würde sich in unserem Alltag verändern, wenn wir uns der Gegenwart Gottes bewußter wären. Diese Tage der Fastenzeit bieten uns die Gelegenheit, es von neuem zu versuchen - durch ein Stoßgebet der Liebe, ein Wort der Reue oder eine geistige Kommunion. »Eine Frage für deine tägliche Gewissenserforschung: Habe ich heute eine Stunde verstreichen lassen, ohne mit Gott, meinem Vater, zu sprechen? ... Habe ich das Gespräch mit ihm gesucht, wie ein liebendes Kind es tut? - Du kannst es!«20

11 Eröffnungsvers der Messe vom Tage, Ps 26,8-9. - 2 Lk 9,22. - 3 vgl. Mk 9,2. - 4 vgl. Lk 9,28. - 5 Lk 9,29. - 6 vgl. Lk 9,31. - 7 Leo der Große, Predigt 51, 3. - 8 2 Petr 1,17-18. - 9 Ps 27,8. - 10 Beda, Kommentar zum Markusevangelium, 8,30; 1,3. - 11 vgl. 2 Kor 5,2. - 12 J. Escrivá, Der Weg, Nr. 139. - 13 Josemaría Escrivá de Balaguer, Gründer des Opus Dei - Informationsblatt Nr. 1, Köln 1976, S.5. - 14 Theresia von Avila, Weg der Vollkommenheit, 20,3. - 15 Mk 9,7. - 16 Ex 40,34-35. - 17 Ex 19,9. - 18 Johannes Paul II., Enz. Redemptor hominis, 7. - 19 Mt 17,8. - 20 J. Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr. 657.

von 23.02.2013 08:51

FASTENZEIT
1. WOCHE - SAMSTAG

11

ZUR HEILIGKEIT BERUFEN

Der Ruf des Herrn, heilig zu werden, ergeht an jeden. Unser Lebensumfeld ist der Ort unserer Heiligkeit.
Die Arbeit heiligen, sich selbst in der Arbeit heiligen, die anderen durch die Arbeit heiligen.
Heiligkeit und apostolisches Bemühen inmitten der Welt. Das Beispiel der Urchristen.

I. Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist1, heißt es am Schluß des heutigen Evangeliums. Während dieser vierzig Tage der österlichen Bußzeit erinnert uns die Kirche auf vielfache Weise daran, daß der Herr von uns mehr als bloß christliche Korrektheit erwartet: er erwartet ein ernsthaftes Streben nach Heiligkeit.

Ihr sollt also vollkommen sein ... Dieses Wort richtet sich nicht allein an die Apostel, sondern an jeden, der wahrhaft Jünger des Herrn sein will. Als Jesus diese Rede beendet hatte, war die Menge sehr betroffen von seiner Lehre2, heißt es bei Matthäus. Die Menge - das müssen durchschnittliche Menschen gewesen sein: junge und alte, Männer und Frauen, Handwerker und Rechtsgelehrte ...

Der Herr stellt hohe Forderungen, jeden einzelnen spricht er in seiner persönlichen Lebenssituation an. Der Ruf, heilig zu werden, ist unabhängig von Alter, Beruf oder gesellschaftlicher Stellung, und keiner, der in der Nachfolge Christi steht, kann sich davon ausnehmen. Diese Wirklichkeit im Heilsplan Gottes begründet der heilige Paulus, wenn er an die Christen in Ephesus schreibt: In ihm (Christus) hat er uns erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor Gott3. Dies erfordert ein stetiges Bemühen, solange wir auf Erden sind: der Gerechte handele weiter gerecht, und der Heilige strebe weiter nach Heiligkeit4.

Daß alle Menschen zur Heiligkeit berufen sind war durch göttliche Eingebung seit dem Jahre 1928 der Kernpunkt in der Verkündigung von Josemaría Escrivá. Immer wieder kam er auf die Einsicht zurück, daß der Christ aufgrund der Taufe zur Fülle des christlichen Lebens, zur Heiligkeit also berufen ist.

Das II. Vatikanische Konzil hat diese grundlegende Lehre aus dem Schatz des Evangeliums der gesamten Kirche neu in Erinnerung gebracht. In der Konstitution über die Kirche heißt es: »Alle Christgläubigen (sind) in allen Verhältnissen und in jedem Stand auf ihrem Wege vom Herrn berufen zu der Vollkommenheit in Heiligkeit, in der der Vater selbst vollkommen ist«5.

Der Herr ruft ausnahmslos alle - auch jene also, die mitten in der Welt leben und dort ihren weltlichen Beschäftigungen nachgehen. Ihnen, ohnehin die meisten, sagt der Glaube, das Weltliche sei kein Hindernis für ihre Heiligung, sondern gerade der Stoff ihrer Heiligkeit, wenn sie es auf Gott hin ausrichten. Und eine Arbeit auf Gott hin ausrichten heißt unter anderem, bemüht sein, die dazugehörigen Pflichten und Aufgaben treu und gewissenhaft zu erfüllen.

In dieser Zeit des Gebetes, in der Gegenwart des Herrn, wollen wir ihm heute für seinen Ruf danken und uns zugleich fragen, ob wir ihm entschieden genug folgen. Vielleicht kann unser asketischer Kampf beherzter sein, damit wir der Gnade besser entsprechen. Vielleicht können wir auch der Versuchung, in ein spießbürgerliches Leben abzugleiten, entschlossener widerstehen, damit das Streben nach Heiligkeit nicht verflacht und das geistliche Leben nicht lau und mittelmäßig wird. Anständig sein wollen ist zu wenig. Heilig sein - das ist der Auftrag des Herrn. Und wir dürfen darauf vertrauen, daß der Herr uns die Mittel dazu gibt.

II. Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist. Dieses anspruchsvolle Programm gilt für unseren Alltag, der aus lauter kleinen Dingen besteht, Dingen,die regelmäßig wiederkehren. »Um Gott zu lieben und ihm zu dienen, ist es nicht nötig, auffallende Dinge zu tun. Alle Menschen ohne Ausnahme ruft Christus auf, vollkommen zu sein, wie ihr himmlischer Vater vollkommen ist (Mt 5,48). Heiligwerden bedeutet für die überwiegende Mehrzahl der Menschen, ihre eigene Arbeit zu heiligen, sich in dieser Arbeit selbst zu heiligen und die anderen durch die Arbeit zu heiligen, damit sie täglich auf dem Weg ihres Lebens Gott begegnen.«6

Damit unsere Arbeit - jede rechtschaffene Tätigkeit kann das sein - zum Angelpunkt der Heiligkeit wird, muß sie gut getan werden, angefangen vom »letzten handwerklichen Schliff« den zunächst vielleicht gar keiner bemerkt, bis hin zur getreuen Beachtung der Pflichten sozialer Gerechtigkeit; denn eine wohlfeile Gabe nimmt Gott nicht an7. Die Arbeit heiligen heißt auch, ein feines Gespür für berufliches Ethos zu entwickeln und sel»stverschuldete Fehler wiedergutzumachen. Und nicht zuletzt heißt es, einen gesunden Ehrgeiz zu besitzen - als Folge des Ernstnehmens des eigenen Berufes -, um durch kontinuierliche Fortbildung immer auf dem laufenden zu sein. Diese Grundeinstellung muß jeder haben, der seine Arbeit ernst nimmt: ob Unternehmer oder Hilfsarbeiter, Geschäftsmann oder Student, Arzt oder Hausfrau.

Indem wir die Arbeit heiligen, heiligen wir auch uns selbst: und darauf kommt es an. Unsere Arbeit wird zur Begegnung mit Gott. Wie? Etwa indem wir zu Beginn die gute Meinung verrichten und sie dann hin und wieder - bei passender Gelegenheit - durch ein Stoßgebet erneuern. Manche mühsame Aufgabe - Gott auf diese Weise dargebracht - gewinnt so eine ganz neue Wertigkeit.

Alles in allem: Die Arbeit bietet uns ein Feld für viele natürliche Tugenden - für Fleiß, Zuverlässigkeit, Sorgfalt, Ausdauer - und die Gelegenheit, die übernatürlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe lebendig zu erhalten.

Außerdem kann und soll die Arbeit Mittel sein, Menschen Christus nahezubringen. Bei manchen Berufen leuchtet dies sofort ein, etwa bei einem Lehrer, Journalisten, Politiker. Aber eigentlich gibt es keinen Arbeitsbereich, der mit der Lehre Jesu nichts zu tun hätte. Wer glaubt und seinen Glauben lebt, wird gelegentlich gegen den Strom schwimmen müssen und bei manchen Kollegen anecken. Aber gerade diese natürliche, selbstsichere Art des Christseins ist eine Form, Menschen für Christus zu interessieren.

Die Welt braucht Gott, und dies um so mehr, je öfter sie wiederholt, daß sie ihn nicht braucht. Christen im Ernst der Nachfolge können in der Welt vieles bewegen. »Ein Geheimnis. - Ein offenes Geheimnis: es gibt Weltkrisen, weil es an Heiligen fehlt.

Gott wünscht eine Handvoll >seiner< Leute in jeder menschlichen Tätigkeit. - Dann ... >pax Christi in regno Christi< - der Friede Christi im Reich Christi.«8

III. Die frühen Christen überwanden in der Kraft ihres Glaubens und ihrer Liebe die Hindernisse. Sie zeigen uns bis heute den Weg. Ihre Treue zur Lehre Christi erwies sich stärker als die materialistische Atmosphäre und das feindliche Umfeld, in dem sie lebten. Das Heilmittel, um der Ansteckung des Heidnischen zu entgehen, war nicht eine Abkapselung von der Gesellschaft. Sie waren sich sicher, Sauerteig des Herrn zu sein, und so war ihr unauffälliges, aber wirksames Handeln schließlich stark genug, der Gesellschaft ein neues Gesicht zu geben. Sie verstanden es, gelassen in der Welt zu stehen, alles Gute darin zu schätzen und den irdischen Gegebenheiten ihren gebührenden Platz einzuräumen. So gelang es ihnen schließlich, die Welt mit einem neuen Geist zu erfüllen.

Die Kirche weist uns eindringlich auf die Notwendigkeit hin, in der Welt präsent zu sein, um das Irdische auf Gott hinzuordnen. Aber selbstverständlich erfordert dies an erster Stelle, selbst mit Gott verbunden zu sein - im Gebet und durch die Sakramente -, so wie die Rebe mit dem Weinstock verbunden ist9. Johannes Paul II. sagt über die Aufgabe der Neuevangelisierung: »Es werden Herolde des Evangeliums gebraucht, die Experten im Umgang mit den Menschen sind, die das Herz des heutigen Menschen gründlich kennen, seine Freuden und Hoffnungen, Ängste und Sorgen teilen und zugleich beschauliche Freunde Gottes sein wollen. Dazu bedarf es neuer Heiliger. Die großen Evangelisatoren Europas waren die Heiligen. Wir müssen den Herrn bitten, daß er den Geist der Heiligkeit in der Kirche vermehre und uns neue Heilige sende, um die Welt von heute zu evangelisieren«10. Den gleichen Gedanken brachte die außerordentliche Bischofssynode 1985 zum Ausdruck: »In unserer Zeit kommt es darauf an, Gott flehentlich darum zu bitten, uns Heilige zu senden.«11

Von unserem Herrn heißt es an einer Stelle der Apostelgeschichte - gleichsam als Zusammenfassung seines irdischen Lebens -, daß er umherzog und Gutes tat.12 Wenn jeder Christ, als »zweiter Christus« in seinem eigenen Leben das Leben Christi nachvollziehen soll, gelten diese Worte auch für ihn. »Der Herr Jesus, göttlicher Lehrer und Urbild jeder Vollkommenheit, hat die Heiligkeit des Lebens, deren Urheber und Vollender er selbst ist, allen und jedem einzelnen seiner Jünger in jedweden Lebensverhältnissen gepredigt: >Seid also vollkommen< (...). - Jedem ist also klar, daß alle Christgläubigen jeglichen Standes oder Ranges zur Fülle des christlichen Lebens und zur vollkommenen Liebe berufen sind. Durch diese Heiligkeit wird auch in der irdischen Gesellschaft eine menschlichere Weise zu leben gefördert.«13

1 Mt 5,48. - 2 Mt 7,28. - 3 Eph 1,4. - 4 Offb 22,11. - 5 II. Vat. Konz., Konst. Lumen gentium, 11. - 6 Gespräche mit Msgr. Escrivá de Balaguer, 55. - 7 vgl. Lev 22,20. - 8 J. Escrivá, Der Weg, Nr. 301. - 9 vgl. Joh 15,1-7. - 10 Johannes Paul II., Ansprache, 11.10.1985. - 11 Außerordentl. Bischofssynode 1985. Schlußdokument II A 4. - 12 vgl. Apg 10,38. - 13 II. Vat. Konzil, Konst. Lumen gentium, 40.

von 22.02.2013 10:16

FASTENZEIT
1. WOCHE - FREITAG

10

FASTENZEIT: ZEIT DER BUSSE

Die Sünde ist immer persönlich. Aufrichtigkeit, um unsere Irrtümer und Schwächen zu erkennen.
Die eigene Sünde hat Auswirkungen auf andere. Mitverantwortung im Geiste der Gemeinschaft der Heiligen.
Buße im Alltag.

I. Die Heilkraft echter Buße als Umkehr des Herzens zu Gott kann ohne Wirkung bleiben, wenn man der Versuchung nachgibt, den persönlichen Charakter der Sünde zu vertuschen. In der ersten Lesung der heutigen Messe warnt der Prophet Ezechiel seine jüdischen Landsleute davor, das Exil als eine Strafe wegen längst vergangener Sünden der Alten zu deuten. Nein: der Prophet deutet es als eine Strafe für die Sünden jedes einzelnen seiner Zeitgenossen. Durch seinen Mund belehrt uns der Heilige Geist darüber, daß jeder selbst die Verantwortung trägt für seine Sünden wie für seine Buße und für sein Heil.

So spricht der Herr: Nur wer sündigt, soll sterben. Ein Sohn soll nicht die Schuld seines Vaters tragen und ein Vater nicht die Schuld seines Sohnes. Die Gerechtigkeit kommt nur dem Gerechten zugute, und die Schuld lastet nur auf dem Schuldigen.1

Gott will, daß der Sünder umkehrt und so am Leben bleibt2, aber dies erfordert das Mitwirken des Sünders durch Reue und Buße. »Die Sünde im wahren und eigentlichen Sinnn ist immer ein Akt der Person, weil sie ein Akt der Freiheit des einzelnen Menschen ist, nicht eigentlich einer Gruppe oder einer Gemeinschaft« sagt Johannes Paul II.3 Ein Mensch kann von äußeren Einflüssen getrieben sein, Neigungen, Belastungen und Gewohnheiten unterworfen sein, die seine Freiheit und damit seine Verantwortung und Schuld vermindern. »Aber es ist eine Glaubenswahrheit, von Erfahrung und Verstand bestätigt, daß die menschliche Person frei ist. Man darf diese Wahrheit nicht übersehen und die Sünde der einzelnen nicht auf äußere Wirklichkeiten - auf Strukturen und Systeme oder auf die anderen Menschen - abwälzen. Das würde vor allem bedeuten, die Würde und die Freiheit der Person zu zerstören, die sich - wenn auch nur negativ und in entstellter Weise - auch in der Verantwortung für die begangene Sünde zeigen. Darum gibt es im Menschen nichts, was so persönlich und unübertragbar ist wie das Verdienst aus der Tugend oder die Verantwortung für die Schuld.«4

Es ist daher eine Gnade des Herrn, wenn wir die vergangenen Sünden bereuen und die gegenwärtigen nicht bemänteln, selbst wenn es sich nur um kleine Fehler aus mangelnder Liebe handelt. Dann können auch wir uns das Wort des Psalmisten zueigen machen: Denn ich erkenne meine bösen Taten, meine Sünde steht mir immer vor Augen.5 Und nachdem wir unsere Sünden bekannt haben, vernehmen wir die Worte des Herrn: Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!6

Aber die Sünden hinterlassen eine Spur in uns. »Auch wenn die Sünden vergeben sind, bleiben doch ihre Spuren in der Seele zurück, Neigungen, die durch vorangegangene Taten entstanden sind; sie sind jedoch abgeschwächt und gedämpft, so daß sie den Menschen nicht mehr beherrschen und eher als Hang denn als Gewohnheit weiterwirken.«7 Außerdem gibt es da noch Sünden und Fehler in uns, die wegen mangelnder Feinfühligkeit des Gewissens unerkannt geblieben sind. Mit Hilfe der Buße können wir diese Keimlinge ausreißen, damit sie nicht bittere Früchte hervorbringen.

Die Fastenzeit bietet uns zahlreiche Gelegenheiten, Buße zu tun. Damit wir uns nicht in abstrakten Wünschen verlieren, wollen wir sie konkretisieren: etwas mehr Zurückhaltung beim Essen - als Ergänzung zur Abstinenz, die die Kirche in konkreten Fällen vorschreibt -, pünktliches Einhalten unserer Termine - als Zeichen der inneren Ordnung und nicht zuletzt Achtung vor dem Nächsten -, die schweifende Phantasie zügeln und vieles mehr. Im geistlichen Gespräch mit einem erfahrenen Seelsorger oder in der Beichte können wir darüber hinaus solche Abtötungen finden, die konkret auf unsere momentane Situation abgestimmt sind.

II. Die Spur, die die Sünde in unserer Seele hinterläßt, kann nur durch persönliche Reue und persönliche Liebe getilgt werden. Sie hat auch Auswirkungen auf unsere Mitmenschen, und zwar nicht allein durch die spürbaren Folgen unseres Tuns, sondern in einem noch viel tieferen Sinne: »Das ist die Kehrseite jener Solidarität, die sich auf religiöser Ebene im tiefen und wunderbaren Geheimnis der Gemeinschaft der Heiligen darstellt, derentwegen jemand hat sagen können, daß >jede Seele, die sich selbst emporhebt, die Welt emporhebt<. Diesem Gesetz des Aufstiegs entspricht leider das Gesetz des Abstiegs, so daß man auch von einer Gemeinschaft der Sünde sprechen kann, durch die eine Seele, die sich durch die Sünde erniedrigt, mit sich auch die Kirche erniedrigt und in gewisser Weise die ganze Welt. Mit anderen Worten, es gibt keine Sünde, und sei sie auch noch so intim und geheim und streng persönlich, die ausschließlich den betrifft, der sie begeht. Jede Sünde wirkt sich mehr oder weniger heftig und zum größeren oder kleineren Schaden aus auf die gesamte kirchliche Gemeinschaft und auf die ganze menschliche Familie.«8

Dies ist ein weiterer Grund, uns für die anderen mitverantwortlich zu fühlen. Wir sind dem ganzen mystischen Leib Christi nützlich, auch als Büßende. Aber natürlich bezieht sich unsere Verantwortung besonders auf jene, mit denen wir uns enger verbunden fühlen, weil der Herr sie uns auf den Weg gestellt hat: »Wenn du die Gemeinschaft der Heiligen spürst, wenn du sie lebst, wirst du spontan Buße tun. - Du wirst begreifen, daß die Buße >gaudium etsi laboriosum< ist, eine Freude, wenn auch mühevoll. Du wirst dich mit allen büßenden Menschen >im Bunde< wissen, denen von gestern, von heute und morgen.«9 »Du wirst deine Pflicht leichter erfüllen, wenn du an die Hilfe denkst, die deine Brüder dir leisten. Und an die Hilfe, die du ihnen versagst, wenn du nicht treu bist.«10

Aus dieser Sicht bekommt die Buße eine neue Dimension. Sie betrifft mich, sie ist an erster Stelle für mich wichtig, wegen meiner Sünden. Aber als Christen mitten in der Welt fällt es uns leicht zu verstehen, daß sie auch für die Welt wichtig ist. Deswegen soll es uns nichts ausmachen, wenn andere einmal merken, daß wir - frohen Herzens - Buße tun. »Wenn sie Zeugen deiner Schwächen und Armseligkeiten waren, warum dann nicht auch deiner Buße?«11

III. Der Alltag bietet zahlreiche Gelegenheiten zur Buße. Wir brauchen sie nur zu ergreifen: eine Krankheit, Erschöpfung, ein Einlenken um des Friedens willen. Wir dürfen annehmen, daß Gott jene Taten der Buße besonders gerne hat, die gleichzeitig Ausdruck der Zuwendung zum Nächsten sind.

Im Evangelium der heutigen Messe sagt uns der Herr: Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, so laß deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe.12 Die Darbringung der Gaben und die Liebe zum Nächsten gehören also zusammen. Deswegen sind jene Äußerungen der Buße besonders wertvoll, die von der Liebe zum Nächsten zeugen: Bereitschaft zur Versöhnung, geduldige Hingabe in der Bildung oder Erziehung junger Menschen usw. Leo der Große sagt hierzu: »Auch wenn man zu jeder Zeit auf die Heiligung des Leiblichen achten soll, so müßt ihr euch in dieser Zeit des Fastens um eine tiefere Frömmigkeit bemühen. Gebt Almosen, denn das ist eine ausgezeichnete Möglichkeit, unsere Fehler wiedergutzumachen; aber vergebt auch Beleidigungen, und unterlaßt das Klagen gegen jene, die euch Böses angetan haben.«13 »Seien wir immer bereit zu verzeihen, mit einem Lächeln auf den Lippen. Reden wir deutlich, ohne Groll, wenn wir im Gewissen meinen, daß wir reden sollen. Und legen wir alles in die Hände Gottes, unseres Vaters, indem wir jenes göttliche Schweigen nachahmen - Iesus autem tacebat (Mt 26,63), Jesus aber schwieg -, wenn es sich um Angriffe auf unsere eigene Person handelt, mögen sie auch noch so brutal und schamlos sein.«14

Auf dem Weg zum Altar werden wir deshalb versuchen, alles hinter uns zu lassen, was es an Groll, Feindseligkeit, Abneigung oder gar Haß - offen oder unterschwellig - in uns geben mag. Stattdessen werden wir uns um Verständnis, Freundlichkeit, Nachsicht und Barmherzigkeit bemühen. So können wir andere dafür gewinnen, den Reichtum echter Buße zu entdecken und Christus auf seinem Leidensweg zu folgen.

»Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun (Lk 23,34).- Die Liebe ist es, die den Herrn nach Golgota geführt hat. Und auch jetzt, da er schon am Kreuz hängt, ist jede Gebärde, ist jedes Wort Ausdruck der Liebe, einer langmütigen, starken Liebe. (...) - Wir aber, aus Schmerz innerlich zerbrochen, wollen in tiefster Aufrichtigkeit zu Jesus sagen: Ich bin dein, ich gebe mich dir hin und lasse mich gern ans Kreuz schlagen, indem ich inmitten der Welt ein Mensch bin, der ganz dir gehört: Deiner Verherrlichung, deinem Erlösungswerk und der Miterlösung der ganzen Menschheit dienend.«15

Möge Unsere Liebe Frau uns lehren, immer wieder Gelegenheiten zu finden, aus der Buße eine liebenswürdige Übung zu machen als Beweis dafür, daß Kreuz und Freude zusammengehören.

1 Ez 18,20. - 2 Ez 18,23. - 3 Johannes Paul II., Apost. Schreiben Reconciliatio et Paenitentia, 2.12.1984, 16. - 4 ebd. - 5 Ps 51,5. - 6 vgl. Joh 8,11. - 7 Thomas von Aquin, Summa Theologica, III,q.86,a.5.c. - 8 Johannes Paul II., Apost. Schreiben Reconciliatio et Paenitentia, 2.12.1984, 16. - 9 J. Escrivá, Der Weg, Nr. 548. - 10 ebd., Nr. 549. - 11 ebd., Nr. 197. - 12 Mt 5,23-24. - 13 Leo der Große, Predigt 45, Über die Fastenzeit. - 14 J. Escrivá, Christus begegnen, 72. - 15 J. Escrivá, Der Kreuzweg, XI.

von 21.02.2013 09:03

FASTENZEIT
1. WOCHE - DONNERSTAG

9

DAS BITTGEBET

Bitten und Danken: zwei Grundhaltungen unseres Lebens. Sie prägen auch unser Gebet.
Das Bittgebet soll von Demut und Beharrlichkeit getragen sein.
Gottes Vorsehung und Bittgebet. Das Gebet anderer für uns und unser Gebet für sie.

I. Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; wer anklopft, dem wird geöffnet1.

Wir sind Bedürftige. Jeden Tag bitten wir andere Menschen um etwas. Dies ist durchaus nicht demütigend, eher eine Bereicherung. Denn unsere Bitten lassen uns am eigenen Leibe spüren, daß wir auf andere Menschen angewiesen sind. Das Gegenteil wäre ein Leben in Einsamkeit und arroganter Selbstgenügsamkeit. Bitten und Geben gehören zu unserem Leben. Wir bitten um etwas, und wir erkennen dadurch unsere Bedürftigkeit an. Wir geben etwas und lernen dadurch gottgeschenkte Reichtümer schätzen, die wir sonst womöglich nicht bemerkt hätten.

Auch unser Verhältnis zu Gott ist auf Bitten und Geben aufgebaut, dabei heißt Geben an erster Stelle: Danksagen. Das Bittgebet ist eine Einübung in Demut. Spontan richtet es sich an einen Gott, den Jesus uns als liebenden Vater verkündet: Oder ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er um Brot bittet? (...) Wieviel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten.2

Es darf uns nicht überraschen, daß sich in unser Beten Egoismus, Hochmut, Habsucht oder Neid einschleichen können. Denn auch beim Beten bedürfen wir der Läuterung. Deswegen werden wir die wahren Absichten überprüfen, die hinter unseren Bitten stehen. Wir werden den Herrn im Innersten unserer Seele fragen, ob das, worum wir gebeten haben, hilfreich ist, damit unsere Liebe zu ihm wächst und unsere Treue fester wird. Und nicht selten wird uns eine Angelegenheit, die wir für lebenswichtig hielten, nach dem Gebet als recht unwichtig vorkommen. Auch solche Erfahrungen können uns helfen, unseren Willen mit dem Willen des Herrn in Übereinstimmung zu bringen.

Es ist gut, den Herrn um Genesung von einer Krankheit zu bitten. Aber gleichzeitig werden wir ihn auch bitten, uns mit seiner Gnade zu stärken, damit wir geduldig die Schmerzen ertragen, falls sein Wille - geheimnisvoll und unergründlich für uns, aber Ausdruck väterlicher Liebe - es anders bestimmt und wir zu ahnen beginnen, daß aus dem Leid Gutes für uns, für die Kirche, für die Menschen erwachsen wird.

Dies ist die wichtigste Voraussetzung für ein fruchtbares Gebet: daß wir unseren eigenen Willen mit dem Willen des Herrn in Einklang bringen: Doch nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen3. Jedesmal, wenn uns das gelingt, tun wir einen bedeutenden Schritt hin zur Demut. Gelegentlich läßt der Herr Dinge zu, die unseren Zielen entgegenstehen und die wir nicht verstehen können. Erst später erkennen wir vielleicht, daß sie von Nutzen waren.

»Gewiß werdet ihr mit mir übereinstimmen, daß, wenn wir von Gott etwas nicht erhalten, worum wir gebeten haben, dies daran liegt, daß wir nicht mit ausreichendem Glauben beten, daß unser Herz nicht rein genug, unser Vertrauen zu gering ist oder daß wir nicht so im Gebet verharren, wie es sich ziemt. Niemals hat Gott denen etwas abgeschlagen, die ihn in gebührender Weise um etwas gebeten haben.«4

II. Heute betrachten wir einige Stellen aus dem Evangelium. Dies mit dem Wunsch, unsere Bittgebete möchten einfacher, aufrichtiger, ergebener werden. Denn in unserem Leben geht es nicht um einen selbstgebastelten Entwurf, sondern um die Verwirklichung dessen, was Gott will.

Das Evangelium gibt uns zahlreiche Beispiele für ein demütiges, ausdauerndes Beten. Bei Matthäus5 lesen wir, wie Jesus sich in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurückzieht. Wahrscheinlich will der Herr einige Tage allein mit seinen Aposteln sein, damit sie sich in seiner Nähe entspannen können. Da kam eine kananäische Frau aus jener Gegend zu ihm - eine Heidin also. Sie will etwas vom Herrn und redet hartnäckig auf ihn ein. Jesus aber gab ihr keine Antwort.

Nun verwenden sich die Jünger für sie, wenn auch nur aus recht menschlichen Gründen: Sie schreit hinter uns her, entrüsten sie sich. Jesus bricht schließlich sein Schweigen: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Nach dem göttlichen Heilsratschluß sollte die Verkündigung der Frohen Botschaft im auserwählten Volk beginnen und erst dann alle Menschen - bis an die Grenzen der Erde6 - erreichen.

Wahrscheinlich ermißt die heidnische Frau die tiefere Bedeutung der Worte des Herrn nicht. Doch da sie in Not ist, weiß sie, was sie will, und sie weiß, daß sie es von Jesus erreichen kann. Sie läßt sich folglich durch die Ablehnung nicht entmutigen: Sie fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir!

Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen. Mit den »Kindern« ist das Volk Israel, gemeint, dem sie ja selbst nicht angehört. Die Stunde der Heiden wird bald kommen, aber sie ist noch nicht da.

Die Frau harrt aus in ihrem Bitten, ihr Glaube wird noch stärker und gibt ihr den Mut, sich zu den Worten zu erkühnen: Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen.

Glaube, Demut, Ausdauer erkämpfen sich das Wohlwollen des Herrn: Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen. Der Evangelist schließt den Bericht mit den Worten: Von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.

Der Herr vernimmt unsere Bitten auch dann, wenn er zu schweigen scheint. Immer können wir davon ausgehen, daß, wenn er schweigt, wir durch unser Bittgebet innerlich wachsen sollen: an Demut, an Glaube, an Hoffnung. Herr, hilf mir! - ein herrliches Stoßgebet zur Zeit der Not.

Ein oberflächliches Bitten genügt jedoch nicht. Es muß ein Bitten sein, das in der Tiefe des Glaubens und der Demut grundgelegt ist und deshalb einen langen Atem hat. Viel vermag das inständige Gebet eines Gerechten8, heißt es im Jakobusbrief.

Bittet, dann wird euch gegeben (...); klopft an, dann wird euch geöffnet. Bitten wir also für die eigenen Anliegen und Nöte, für die Anliegen und Nöte von Menschen, die uns nahestehen ... wievieles kommt uns jetzt in den Sinn! Der Herr kennt unsere Bedürftigkeit. Und »die Vorsehung Gottes (...) setzt das Mitgehen des Menschen voraus, der sich Gottes Fürsorge anvertraut.«!9

III. Alles, worum ihr betet und bittet - glaubt nur, daß ihr es schon erhalten habt, dann wird es euch zuteil.10 Aber manchmal bitten wir voll Vertrauen um etwas, und der Herr gewährt es uns nicht. Wie ist es dann mit seiner Verheißung? »Im Licht der sehr klaren Aussage Jesu müssen wir antworten: Gott erhört jedes Gebet in einer all unser Hoffen übertreffenden Weise. Wenn er deshalb ein Gebet nicht in der Weise erhört, wie wir es wünschen, dann deshalb, weil dieser Wunsch noch nicht unserem wahren Besten entspricht. Der heilige Augustinus drückt diesen Gedanken so aus: >Gut ist Gott, der oftmals nicht gibt, was wir wollen, auf daß er uns gebe, was wir lieber wollen sollten<. Die heilige Theresia von Lisieux sagt deshalb: >Und wenn du mich nicht erhörst, liebe ich dich noch mehr<«11.

Um die Eindringlichkeit unseres Gebetes zu verstärken, kann es gut sein, andere Menschen - besonders solche, von denen wir annehmen dürfen, daß sie Gott sehr nahestehen - um ihr Gebet zu bitten. Wir haben hier das schöne Beispiel des Hauptmanns von Kafarnaum: Er sandte einige von den jüdischen Ältesten zu Jesus mit der Bitte, zu kommen und seinen Diener zu retten..12 Die Freunde erfüllten ihren Auftrag aufs beste: Er verdient es, sagten sie, daß du seine Bitte erfüllst. Der Herr erhörte die Fürsprache der Freunde.

»Der Christ hat nicht nur den Auftrag, für sich selbst zu beten; betend wird er zur Stimme der Kirche in der ganzen Welt. Es ist gut, wenn wir uns im großen Chor der Beter wissen.«13 Das Gebet für andere läßt das Herz weit werden. Und das Gebet anderer Menschen für uns wird uns gelegentlich begreifen helfen, daß Gott andere Maßstäbe hat als wir Menschen. Deshalb heißt es, daß »nach dem Gebet des Priesters und dem der gottgeweihten Jungfrauen Gott das Gebet der Kinder und der Kranken am wohlgefälligsten ist«14»In einem alten Gebet der Kirche werden wir an die Fürsprache Mariens, der Mutter Gottes und unserer Mutter, erinnert. Dort heißt es: »Gedenke, gütigste Jungfrau Maria, man hat es noch niemals gehört, daß jemand, der zu dir seine Zuflucht nahm, deine Hilfe anrief, um deine Fürsprache flehte, von dir verlassen worden sei. Von solchem Vertrauen beseelt, nehme ich meine Zuflucht zu dir, Mutter...«15»

1 Evangelium der Messe vom Tage, Mt 7,7-12. - 2 Mt 7,9.11. - 3 Lk 22,42. - 4 Pfarrer von Ars, Predigt über das Gebet. - 5 Mt 15,21-28. - 6 Apg 1,8. - 7 vgl. Ex 4,23; Jes 1,2; Jer 31,20; Hos 11,1; etc. - 8 Jak 5,16. - 9 Katholischer Erwachsenen-Katechismus, Bonn 1985, S.104. - 10 Mk 11,24. - 11 Katholischer Erwachsenen-Katechismus, Bonn 1985, S.105. - 12 Lk 7,3. - 13 Gotteslob S.18. - 14 J. Escrivá, Der Weg, Nr. 98. - 15 Bernhard von Clairvaux, Gebet Memorare.

von 19.02.2013 08:19

FASTENZEIT
1. WOCHE - DIENSTAG

7

ENGEL, DIE UNS BESCHÜTZEN

Die heiligen Engel. Spontaner Umgang mit ihnen.
Von Anfang bis Ende unseres Lebens stehen sie uns zur Seite.
Freundschaft und Verehrung.

I. Im Bericht des Evangeliums über die Versuchungen des Herrn heißt es am Ende: Darauf ließ der Teufel von ihm ab, und es kamen Engel und dienten ihm1.

»Achten wir ein wenig auf die Rolle der Engel im Leben Jesu. So werden wir besser ihre Sendung in jedem menschlichen Leben begreifen. Die christliche Überlieferung zeigt uns die Schutzengel als große Freunde des Menschen, von Gott an seine Seite gestellt, damit sie ihn auf seinen Wegen begleiten. Deshalb empfiehlt sie uns ihren Umgang und rät uns, bei ihnen unsere Zuflucht zu suchen.

Die Kirche läßt uns diese Begebenheiten im Leben Christi betrachten, um uns daran zu erinnern, daß auch die Fastenzeit, in der wir uns als Sünder, voller Erbärmlichkeiten und der Läuterung bedürftig, bekennen, Raum für die Freude läßt. Denn die Fastenzeit ist gleichermaßen eine Zeit der Stärkung wie der Freude. Wir sollen wieder Mut fassen, weil uns die Gnade des Herrn nicht fehlen wird: Gott wird uns zur Seite stehen und seine Engel senden, damit sie uns auf dem langen Weg Reisegefährten, weise Ratgeber und Mitstreiter bei allen unseren Unternehmungen sind.«2

»Die Heilige Schrift und die Überlieferung nennen Engel jene reinen Geister, die - als ihre Freiheit auf eine entscheidende Probe gestellt wurde - sich für Gott, für seine Ehre und für sein Reich entschieden.«4 Durch ihre Erhebung ins Übernatürliche sind sie ins Innere des dreipersönlichen göttlichen Lebens hineingenommen. »Im Lobe Gottes besitzen sie ihre eigene Vollendung. An ihnen ist jener Zustand übernatürlicher Erfüllung verwirklicht, den wir Himmel nennen (...). In ihnen stellt sich die übernatürliche Vollendung des Menschen beispielhaft dar.«4

Sie sind außerdem Beschützer der Menschen: Sind sie nicht alle dienende Geister, ausgesandt, um denen zu helfen, die das Heil erben sollen?5, heißt es im Hebräerbrief.

Es ist allgemeine Lehre der Kirche, daß jeder Mensch - vom ersten bis zum letzten Augenblick seines Lebens - einen Schutzengel zur Seite hat. Nach dem schönen Gedanken eines Kirchenvaters werden alle Schutzengel beim Jüngsten Gericht zusammenkommen, um »persönlich Rechenschaft abzulegen über den Auftrag, den sie von Gott zur Rettung jedes einzelnen Menschen erhalten haben«6.

Zahlreiche Stellen aus der Apostelgeschichte schildern uns das Eingreifen der Engel und offenbaren die spontane Art und Weise, wie die ersten Christen den Umgang mit ihnen pflegten.7 Dies wird besonders bei der Befreiung des heiligen Petrus aus dem Kerker sinnfällig : Plötzlich trat ein Engel des Herrn ein, und ein helles Licht strahlte in den Raum. Er stieß Petrus in die Seite, weckte ihn und sagte: Schnell, steh auf! Da fielen die Ketten von seinen Händen. Der Engel aber sagte zu ihm: Gürte dich, und zieh deine Sandalen an! Er tat es. Und der Engel sagte zu ihm: Wirf deinen Mantel um, und folge mir!8

Nunmehr in Freiheit, begab sich Petrus zum Hause der Maria, der Mutter des Markus, wo nicht wenige versammelt waren und beteten. Als er am Außentor klopfte, kam eine Magd namens Rhode, um zu öffnen. Sie erkannte die Stimme des Petrus, doch vor Freude machte sie das Tor nicht auf, sondern lief hinein und berichtete: Petrus steht vor dem Tor. Da sagten sie zu ihr: Du bist nicht bei Sinnen. Doch sie bestand darauf, es sei so. Da sagten sie: Es ist sein Engel.9 Dieser Bericht aus der Urkirche läßt nicht nur die Hochschätzung erkennen, die man Petrus entgegenbrachte, sondern auch den selbstverständlichen Umgang der ersten Christen mit den Schutzengeln. »Beachte, wie selbstverständlich für die ersten Christen der Umgang mit den Schutzengeln war. - Und für dich?«10

Auch uns können diese Natürlichkeit und dieses Vertrauen gelingen. Dann werden wir staunend feststellen, daß die Engel tatsächlich unsere Helfer im Kampf gegen den Bösen sind. Vielleicht erinnern wir uns noch an das alte Gebet unserer Kindheit: »Heiliger Schutzengel mein, laß mich dir empfohlen sein; in allen Nöten steh mir bei und halte mich von Sünden frei. An diesem Tag (in dieser Nacht), ich bitte dich, beschütze und bewahre mich. Amen.«

II. Die Schutzengel haben die Aufgabe, jedem einzelnen Menschen zu helfen, sein Ziel, die Vollendung in Gott, zu erreichen. Der Engel »führt die ihm Anvertrauten durch das Leben hindurch zum Heil, und zwar auf den von Gott bestimmten Wegen, die durch Leid und Tod gehen; er rettet es auch vor dem Leid, wenn dies der Weg zum Heil ist«11. Der Schutzengel regt uns zum Guten an, er ist unser Fürsprecher und gewährt uns Hilfe, wann immer wir ihn darum bitten. Das Wort des Herrn an Mose bekommt hier den Charakter einer Anregung für jeden einzelnen: Ich werde einen Engel schicken, der dir vorausgeht. Er soll dich auf dem Weg schützen und dich an den Ort bringen, den ich bestimmt habe12. Denn nach dem Römischen Katechismus »stellt der himmlische Vater jedem von uns auf unserem Weg zur himmlischen Heimat einen Engel zur Seite, damit wir uns, von seiner Macht und Hilfe gestärkt, von den tückisch ausgelegten Fallstricken unserer Feinde befreien und ihren Angriffen widerstehen; und auch damit wir unter deren Führung dem rechten Weg folgen und uns durch Irrtümer, zu denen uns der Feind verleiten will, nicht vom Wege abbringen lassen, der zum Himmel führt«13.

Leider ist die Glaubenswahrheit über die Engel im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr in Vergessenheit geraten. »Aus dem herrlichfurchtbaren Wesen der Schrift hat man etwas Sentimentales, ja manchmal Zweideutiges gemacht. In Wahrheit ist der Engel das früheste Geschöpf Gottes. Sein Wesen hat eine unerträgliche Gewalt. Wenn er dem Menschen erscheint, lautet sein erstes Wort: >Fürchte dich nicht!< - was so viel heißt, daß er selbst die Kraft gibt, ihn zu ertragen. Zwischen Gott und ihm waltet ein Einvernehmen der Sorge um das Heilige in dem ihm anbefohlenen Menschen; und er schützt es durch Irrsal, Leiden und Tod hindurch«14.

Es ist eine tröstliche Wahrheit, daß wir weder in der Versuchung noch in der Not je allein sind. Am Ende unseres irdischen Lebens wird unser Schutzengel uns zum Gericht Gottes begleiten, wie es die kirchliche Liturgie in den Sterbegebeten zum Ausdruck bringt: »Kommt herzu, ihr Heiligen Gottes, eilt ihm entgegen, ihr Engel des Herrn. Nehmt auf seine Seele und führt sie hin vor das Antlitz des Allerhöchsten (...). Christus nehme dich auf, der dich berufen hat, und in das Himmelreich sollen Engel dich geleiten.«15

III. »Du sollst mit deinem Schutzengel auf gutem Fuß stehen. Behandle ihn wie einen guten Freund, denn das ist er. Er wird dir manchen Dienst erweisen bei den alltäglichen Angelegenheiten.«16 Dieser Wegbegleiter zum Heil kann uns auch in den großen oder kleinen Nöten des Alltags helfen: wenn es um eine schwierige Prüfung geht, bei der die gewissenhafte Vorbereitung nicht alles ist, selbst bei der eiligen Suche nach einem Parkplatz oder um den Bus noch zu erwischen. Das alles raubt uns leicht den Frieden, vielleicht reagieren wir aggressiv, vielleicht deprimiert. Wenn wir im Glauben festverwurzelt sind, werden wir spontan um die Hilfe unseres Schutzengels bitten.

Damit uns der Schutzengel beistehen kann, müssen wir ihm auf irgendeine Weise unsere Absichten und Wünsche zu erkennen geben. Trotz der großen Vollkommenheit ihres Wesens verfügen die Engel nicht über die grenzenlose Macht und unendliche Weisheit Gottes. Die Theologie sagt uns, daß »die Engel die verborgenen Gedanken der Menschen nicht kennen, außer wenn Gott sie ihnen offenbart« und daß »sie insbesondere das menschliche Herz, in welchem sich das Geheimnis der Person zusammenfaßt, nicht durchschauen können«17. Es genügt jedoch, daß wir im Geist zu ihnen sprechen, damit sie uns verstehen, ja sogar Dinge, die wir selbst nicht auszudrücken imstande sind, aus unserem Verhalten abzuleiten vermögen.

Da er Gott von Angesicht zu Angesicht schaut und zugleich in unserer Nähe ist, schulden wir unserem Schutzengel nicht nur Freundschaft, sondern auch Verehrung. Ein Stoßgebet zum Schutzengel bei der Arbeit, in einer Unterhaltung oder in den kleinen und großen Konflikten unseres Lebens ist eine Geste der Freundschaft ihm gegenüber und des Dankes an Gott, weil seine Schöpfung so wunderbar ist.

In der Fastenzeit liegt es nahe, sich jene bewegende Szene im Garten Getsemani vor Augen zu führen: Christus - ein leidender Mensch - erfährt durch einen Engel die Hilfe des Himmels. »Der Umgang mit den Engeln will gelernt sein. Wende dich jetzt an sie, sag deinem Schutzengel, daß das gnadenbringende Wasser der Fastenzeit nicht spurlos an deiner Seele vorübergeflossen ist, daß es deine Seele ganz durchdrungen hat, weil dein Herz zerknirscht ist. Bitte sie, deinen guten Willen vor den Herrn zu tragen, diesen guten Willen, den die Gnade aus unseren Erbärmlichkeiten keimen ließ wie eine Blume aus dem Dunghaufen. Sancti Angeli, Custodes nostri: defendite nos in proelio, ut non pereamus in tremendo iudicio. Heilige Schutzengel, verteidigt uns im Kampfe, auf daß wir im Schreckensgericht nicht zugrunde gehen.«18 Wir verehren Maria als Regina Angelorum, Königin der Engel. Sie möge uns - vor allem in dieser Fastenzeit - den Umgang mit unserem Schutzengel lehren.

1 Mt 4,11. - 2 J. Escrivá, Christus begegnen, 63. - 3 Johannes Paul II., Generalaudienz, 6.8.1986. - 4 M. Schmaus, Katholische Dogmatik, München 1949, Bd.II, S.242. - 5 Hebr 1,14. - 6 Johannes Chrysostomos, in: Catena Aurea. - 7 vgl. Apg 5,19-20; 8,26; 10,3-6. - 8 Apg 12,7-8. - 9 Apg 12,13-17. - 10 vgl. J. Escrivá, Der Weg, Nr. 570. - 11 M. Schmaus, Katholische Dogmatik, München 1949, Bd.II, S.249. - 12 Ex 23,20. - 13 Römischer Katechismus, 4.Teil,IX, Nr.4. - 14 R. Guardini, Der Herr, Würzburg 1951, S.313. - 15 Die Feier der Krankensakramente, Nr. 151. - 16 J. Escrivá, Der Weg, Nr. 562. - 17 M. Schmaus, Katholische Dogmatik, München 1949, Bd.II, S.238. - 18 J. Escrivá, Christus begegnen, 63.

von 19.02.2013 08:17

V.: Gott sei gepriesen!
A.: Gott sei gepriesen!

V.: Gepriesen sei Sein heiliger Name!
A.: Gepriesen sei Sein heiliger Name!

V.: Gepriesen sei Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch!
A.: Gepriesen sei Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch!

V.: Gepriesen sei der Name Jesus!
A.: Gepriesen sei der Name Jesus!

V.: Gepriesen sei Sein heiligstes Herz!
A.: Gepriesen sei Sein heiligstes Herz!

V.: Gepriesen sei Sein kostbares Blut!
A.: Gepriesen sei Sein kostbares Blut!

V.: Gepriesen sei Jesus Christus im allerheiligsten Sakrament des Altares!
A.: Gepriesen sei Jesus Christus im allerheiligsten Sakrament des Altares!

V.: Gepriesen sei der Heilige Geist, der Tröster!
A.: Gepriesen sei der Heilige Geist, der Tröster!

V.: Gepriesen sei die erhabene Gottesmutter, die allerseligste Jungfrau Maria!
A.: Gepriesen sei die erhabene Gottesmutter, die allerseligste Jungfrau Maria!

V.: Gepriesen sei ihre heilige Unbefleckte Empfängnis!
A.: Gepriesen sei ihre heilige Unbefleckte Empfängnis!

V.: Gepriesen sei ihre wunderbare Himmelfahrt!
A.: Gepriesen sei ihre wunderbare Himmelfahrt!

V.: Gepriesen sei der Name der Jungfrau und Mutter Maria!
A.: Gepriesen sei der Name der Jungfrau und Mutter Maria!

V.: Gepriesen sei der heilige Joseph, ihr reinster Bräutigam!
A.: Gepriesen sei der heilige Joseph, ihr reinster Bräutigam!

V.: Gepriesen sei Gott in Seinen Engeln und in Seinen Heiligen!
A.: Gepriesen sei Gott in Seinen Engeln und in Seinen Heiligen
!

von 18.02.2013 08:02

FASTENZEIT
1. WOCHE - MONTAG

6

DER WIDERSACHER


Die Aussagen der Glaubenslehre.
Die Macht des Teufels ist begrenzt. Unsere Antwort: Nicht Angst, sondern Liebe zu Gott.
Jesus Christus: Bezwinger des Satans. Vertrauen in den Herrn. Hilfsmittel, um den Kampf zu bestehen.

I. Wieder nahm ihn der Teufel mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg (...). Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan!, lasen wir im Evangelium der gestrigen Messe1.

Es gibt den Teufel. Von der Genesis bis zur Offenbarung des Johannes wird er erwähnt. Im Gleichnis vom Unkraut nennt ihn der Herr den Feind2, der die schlechte Saat ausstreut. Und im Gleichnis vom Sämann kommt der Böse und nimmt alles weg, was (...) gesät wurde3. Er nennt ihn auch den Vater der Lüge4.

Die Glaubenslehre der Kirche verdeutlicht das Zeugnis der Schrift: »Gott hat in seiner allmächtigen Kraft zu Anfang der Zeit in gleicher Weise beide Ordnungen der Schöpfung aus dem Nichts erschaffen: die geistige und die körperliche, das heißt die Engelwelt und die irdische Welt und dann die Menschenwelt, die gewissermaßen beide umfaßt, da sie aus Geist und Körper besteht. Denn der Teufel und die anderen bösen Geister sind von Gott ihrer Natur nach gut erschaffen. Aber sie sind durch sich selbst schlecht geworden.«5

Manche sehen allzu optimistisch im Bösen lediglich einen Schönheitsfehler innerhalb einer sich ständig zum Besseren hin entwickelnden Welt. Die Kirche ist da realistischer: »Die ganze Geschichte der Menschheit durchzieht ein harter Kampf gegen die Mächte der Finsternis, ein Kampf, der schon am Anfang der Welt begann und nach den Worten des Herrn bis zum letzten Tag andauern wird.«6

»Nach kirchlicher Lehre gibt es (...) nicht nur das Böse, sondern auch den Bösen bzw. die Bösen. Damit wird die katholische Lehre einerseits der menschlichen Erfahrung von der Abgründigkeit der Welt wie dem biblischen Zeugnis gerecht, andererseits kann sie damit die Bedeutung und den Einfluß der bösen Geister begrenzen: Sie sind trotz allem nur endliche, von Gott geschaffene und insofern bleibend von ihm abhängige Größen. Ihre unselige Herrschaft ist durch Christus gebrochen und wird durch das Wirken des Heiligen Geistes immer mehr überwunden.«7

Das Wirken des Teufels ist rätselhaft, jedoch real und fühlbar. Schon seit den ersten Jahrhunderten war dies den Christen bewußt. Der heilige Petrus ermahnte die ersten Christen: Seid nüchtern und wachsam! Euer Widersacher, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher und sucht, wen er verschlingen kann. Leistet ihm Widerstand in der Kraft des Glaubens!8

»Wenn die Machenschaften Satans gewiß auch den einzelnen und der Gesellschaft viel Schaden zufügen - geistiger und indirekt auch körperlicher Natur -, so ist er aber doch nicht imstande, die endgültige Bestimmung, auf die hin der Mensch und die ganze Schöpfung angelegt sind, nämlich das Gute, zunichte zu machen. Er kann den Aufbau des Gottesreiches nicht verhindern, in welchem am Ende die Gerechtigkeit und Liebe des Vaters zu den von Ewigkeit her im Sohn, dem göttlichen Wort, vorherbestimmten Geschöpfen zu voller Verwirklichung kommen.«9

Mit Jesus Christus ist also die Herrschaft des Teufels beschnitten; er hat uns »durch seinen Tod und seine Auferstehung der Macht des Satans entrissen und in das Reich des Vaters versetzt«10. Der Teufel vermag nur denen wirklich zu schaden, die dies freiwillig zulassen, indem sie in das Böse einwilligen und sich von Gott entfernen.

In vielen Szenen des Evangeliums erweist sich der Herr als der Sieger über den Satan. Auch heute ruht unser Vertrauen in unserem Erlöser, der nicht zuläßt, daß wir über unsere Kräfte hinaus versucht werden11. Er hat uns die Waffen an die Hand gegeben, mit denen wir alle Versuchungen abwehren können: niemand sündigt aus Notwendigkeit. Gerade die Fastenzeit - mit ihrem Ruf zur inneren Bekehrung - will uns daran erinnern.

Bei diesem Ringen sind wir nicht allein. Gott hat uns einen Engel zur Seite gestellt, der uns hilft und uns beschützt. »Wende dich in der Stunde der Prüfung an deinen Schutzengel. Er wird dich gegen den Teufel beschützen und dir übernatürliche Gedanken eingeben.«12

II. Der Teufel ist ein wirklich existierendes personales Wesen geistiger Natur. Er kennt nur ein einziges Streben: uns zu verderben. »Alles begann damit, daß er sich Gott und seiner Herrschaft widersetzte, dessen Herrschergewalt usurpierte und versuchte, die Heilsordnung und das Gefüge der ganzen Schöpfung aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ein Echo dieser Haltung sind die Worte des Versuchers an unsere Stammeltern: Ihr werdet wie Gott. Der böse Geist versucht, dem Menschen den Geist der Gegnerschaft, des Ungehorsams und Widerstreits gegen Gott einzuflößen, der zur Triebkraft seines ganzen Seins geworden ist.«13

Der Teufel steht hinter allem, was Unfrieden, Feindschaft und Zwietracht unter den Menschen hervorbringt, sei es im kleinen Kreis der Familie oder im größeren der Gesellschaft. Kardinal Newman nimmt dafür ein Beispiel, das zwar der Welt des vergangenen Jahrhunderts entstammt, das aber - auf unsere Zeit übertragen - nichts an Gültigkeit verloren hat: »Nehmt einmal an, daß plötzlich Dunkelheit auf die Straßen einer Großstadt niedersinkt; unnötig zu sagen, welches Chaos, welches Geschrei dann entstehen würde. Fußgänger, Fuhrwerke, Wagen, Pferde, alles geriete durcheinander. So steht es auch mit der Welt. Der Geist des Bösen wirkt auf die Kinder des Unglaubens ein, der Gott dieser Welt - wie der heilige Paulus sagt - hat ihnen die Augen verschlossen; und so sind sie denn gezwungen zu streiten und zu lamentieren, weil sie die Orientierung verloren haben.«14

Orientierungslosigkeit, Betrug. Der Teufel ist bei seinen Versuchungen auf Betrug angewiesen; er vermag ja nur unechte Güter zu bieten und ein künstliches Glück, das sich stets in Bitternis verwandelt. Ohne Gott gibt es weder das Gute noch das wahre Glück, die Seele trifft nur auf Finsternis, Leere, mangelnde Erfüllung.

Die Macht des Teufels ist begrenzt, auch er steht unter der Herrschaft Gottes, des einzigen Herrn der Welt. Er vermag nicht in unser Innerstes zu gelangen, wenn wir es nicht wollen. Ein Kirchenvater schreibt: »Die bösen Geister haben nicht die Fähigkeit, unsere Gedanken zu lesen. Das einzige, was sie vermögen, ist, sie auf Grund von wahrnehmbaren Anzeichen oder dadurch zu erahnen, daß sie unser Verhalten beobachten, unsere Worte oder die Dinge, durch die sie unsere Neigungen erkennen. Was wir aber nicht nach außen haben dringen lassen und was in unseren Seelen verborgen bleibt, ist ihnen völlig unzugänglich. Sogar die Gedanken selbst, die sie uns eingeben, die Art, wie wir sie aufnehmen, die Wirkungen, die sie in uns erzeugen, all das wissen sie nicht aus dem Wesen der Seele heraus, (...) sondern stets nur durch äußere Regungen und Reaktionen.«16

Der Teufel ist außerstande, unserer Freiheit Zwang anzutun, um sie unter das Böse zu beugen. »Alles versucherische Einwirken böser Mächte bleibt wirkungslos, wenn der Mensch nicht zustimmt, wenn er sich nicht von Gott abkehrt, in sich verkrampft und dem Bösen zuwendet.= 16 Die rechte Haltung des Menschen dem Teufel gegenüber ist nicht dunkle Angst, sondern demütige Liebe zu Gott. Denn - nach einem Wort des heiligen Pfarrers von Ars - ist der Teufel nichts anderes als ein riesiger, festgebundener Hund, der an der Kette zerrt und viel Lärm macht, aber nur den beißt, der sich ihm allzu sehr nähert« 17.

III. In der Heiligen Schrift ist das Leben unseres Herrn in einem kurzen Satz zusammengefaßt. Die Apostelgeschichte schildert, wie er umherzog, Gutes tat und alle heilte, die in der Gewalt des Teufels waren18. Johannes verdeutlicht es: Der Sohn Gottes aber ist erschienen, um die Werke des Teufels zu zerstören19. Der Herr bekräftigt dies beim Letzten Abendmahl, wenige Stunden vor seinem Leiden und Sterben: Jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden20.

Jedoch hat der Teufel noch immer eine gewisse Macht über die Welt, und zwar in dem Maße, wie die Menschen die Früchte der Erlösung zurückweisen. Er hat Gewalt über jene, die sich ihm auf die eine oder andere Weise überlassen und das Reich der Finsternis dem der Gnade vorziehen21. Es darf uns nicht wundern, daß, solange die Heilsgeschichte nicht abgeschlossen ist, das Böse in seinen vielfachen Formen weiterhin wirksam bleibt.

Dank der Hilfen, die der Herr uns gegeben hat, sind wir in der Lage, den Kampf gegen die Macht des Bösen zu bestehen und den Frieden und die Freude eines Christen mitten in der Welt zu leben. Zu diesen Hilfen gehören: das Gebet, das die Hoffnung stärkt, die Abtötung, die unsere Solidarität mit dem erlösenden Leiden Christi bekundet, der Empfang des Bußsakramentes und der heiligen Kommunion, die Verehrung der Muttergottes. In dieser Fastenzeit können wir auch prüfen, ob wir einen gläubigen Gebrauch jener von der Kirche eingesetzten Zeichen machen, die wir Sakramentalien nennen. Sie sind fruchtbar kraft der Fürbitte der Kirche und unseres Glaubens. Zu ihnen gehört das Weihwasser: »Du fragst mich, warum ich dir immer mit solchem Nachdruck den Gebrauch des Weihwassers empfehle. - Ich könnte dir viele Gründe nennen. Sicherlich wird dir genügen, was Theresia von Avila sagt: >Die bösen Geister reißen vor nichts so schnell aus, ohne wiederzukommen, wie vor Weihwasser<.«22

Unser Wunsch, dem Herrn treu zu sein, kann sich in diesen Tagen der Buße dadurch zeigen, daß wir dem Non serviam - ich will nicht dienen - des Satans ein persönliches, entschlossenes Serviam entgegensetzen: Dir will ich dienen, Herr.

1 vgl. Mt 4,8-11. - 2 Mt 13,25. - 3 Mt 13,19. - 4 Joh 8,44. - 5 IV. Laterankonzil (vgl. DS 800). - 6 II. Vat. Konz., Konst. Gaudium et spes, 37. - 7 Katholischer Erwachsenen-Katechismus, Bonn 1985, S.112. - 8 1 Petr 5,8. - 9 Johannes Paul II., Generalaudienz, 20.8.1986. - 10 II. Vat. Konz., Konst. Sacrosanctum Concilium, 6. - 11 vgl. 1 Kor 10,13. - 12 J. Escrivá, Der Weg, Nr. 567. - 13 Johannes Paul II., Generalaudienz, 13.8.1986. - 14 Kard. J. H. Newman, Predigt zum zweiten Fastensonntag. Welt und Sünde. - 15 Johannes Cassianus, Unterredungen mit den Vätern, 7. - 16 Kard. Joseph Höffner, Teufel - Besessenheit - Exorzismus, Themen und Thesen 8, Köln 1982. - 17 Pfarrer von Ars, Predigt über die Versuchungen. - 18 Apg 10,38. - 19 1 Joh 3,8. - 20 Joh 12,31. - 21 vgl. Johannes Paul II., Generalaudienz, 13.8.1986. - 22 J. Escrivá, Der Weg, Nr. 572.

von 17.02.2013 06:53

http://www.diewarnung.net/botschaften/alles.htm

von 16.02.2013 09:48

FASTENZEIT
SAMSTAG NACH ASCHERMITTWOCH

4

RETTEN, WAS VERLOREN WAR

Wir sind krank und heilungsbedürftig. Jesus kommt als Arzt, die Menschen zu heilen.
Christus heilt unsere Gebrechen. Das Bußsakrament.
Auf den Herrn hoffen, wenn wir uns schwach fühlen. Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.

I. Im Evangelium der heutigen Messe1 wird uns die Berufung des Matthäus geschildert. Der Herr ruft ihn, und er reagiert unverzüglich: er verließ alles und folgte ihm.

Der neugewonnene Jünger wollte Jesus seine Dankbarkeit bezeigen: Er gab für Jesus in seinem Haus ein großes Festmahl und lud seine Freunde dazu ein: Viele Zöllner und andere Gäste waren mit ihnen bei Tisch.

Das erboste die Pharisäer. Sie fragten die Jünger: Wie könnt ihr zusammen mit Zöllnern und Sündern essen und trinken? Galten doch die Zöllner als Sünder, weil sie in ihrem Beruf unverhältnismäßig hohe Einkünfte erzielten und gute Beziehungen zu den Heiden unterhielten.

Jesus antwortet den Pharisäern mit einem tröstlichen Wort: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, um die Sünder zur Umkehr zu rufen, nicht die Gerechten2.

Der Herr möchte sich allen Menschen zuwenden. »Der Dialog des Heiles war nicht abhängig von den Verdiensten derer, an die er gerichtet war, und nicht einmal von den Ergebnissen, die er hätte erreichen oder verfehlen können.«3

Wir alle sind krank, wir alle sind Sünder, die der göttlichen Barmherzigkeit und der Verzeihung bedürfen, denn niemand ist gut außer Gott, dem Einen4. Die Menschheit ist nicht zweigeteilt in Gerechtfertigte aus eigener Kraft und Sünder. Wir alle brauchen den Herrn - Tag für Tag. Wer da meint, ihn nicht zu brauchen, verschließt sich dem Heil.

Die Worte Christi, der als Arzt kommt, regen uns an, demütig und vertrauensvoll um Verzeihung für unsere eigenen Sünden zu bitten und ebenso für die Sünden derer, die meinen, fern von Gott leben zu können. Von ihnen sagte die heilige Theresia von Avila: »O mein wahrhaftiger Gott, um welch widersinnige Sache bitte ich dich heute: daß du den liebst, dem du gleichgültig bist, daß du dem öffnest, der nicht an deine Tür gepocht, daß du dem Heilung bringst, der krank sein möchte und alles daransetzt, es zu sein! Du hast gesagt, Herr, daß du kommst, um nach den Sündern zu suchen. Diese, Herr, sind die wahren Sünder. Sieh nicht auf unsere Blindheit, Herr, mein Gott, sondern auf das viele Blut, das dein Sohn für uns vergossen hat; deine Barmherzigkeit überstrahle solch ein Übermaß an Bosheit; bedenke, Herr, daß wir deine Geschöpfe sind.«5 Wenn wir uns in Demut so an Jesus wenden, wird er uns und jenen, die wir ihm näherbringen möchten, stets seine Barmherzigkeit gewähren.

II. Im Alten Testament ist der Messias der Hirt, der seine Schafe umhegen und jene, die krank oder verletzt sind, heilen wird6. Der Herr kommt, um nach dem zu suchen, was verloren war, er ruft die Sünder, er gibt sein Leben hin als Lösepreis für alle7. In ihm erfüllt sich das prophetische Wort: Er hat unsere Krankheiten getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen, und durch seine Wunden sind wir geheilt.8

Christus heilt all unsere Gebrechen. Jeder braucht ihn, weil jeder hinfällig ist. »Er ist Arzt und heilt unseren Egoismus, wenn wir seine Gnade bis ins Tiefste unserer Seele eindringen lassen.«9 Unsere Begegnung mit dem Herrn soll wie die eines Kranken sein, der geheilt werden will und sich dem Arzt ganz anvertraut. »Jesus hat uns gemahnt, daß die schlimmste Krankheit die Heuchelei ist, jener Stolz, der uns dazu bringt, die eigenen Sünden zu verhehlen. Beim Arzt ist absolute Aufrichtigkeit unerläßlich; es gilt, die Wahrheit lückenlos aufzudecken und zu sagen: Domine, si vis, potes me mundare (Mt 8,2), Herr, wenn du willst - und du willst immer -, kannst du mich heilen. Du kennst meine Gebrechen; ich spüre diese Symptome, ich leide an jenen Schwächen; und wir zeigen ihm einfach unsere Geschwüre und auch den Eiter, wenn es ihn gibt. Herr, du hast ja so viele Menschen geheilt: Laß mich dich als göttlichen Arzt erkennen, wenn ich dich im Herzen habe oder dich im Tabernakel anbete.«10

Ein besonders wichtiges Heilmittel ist das Bußsakrament: »Beim tieferen Nachdenken über die Bedeutung dieses Sakramentes erblickt das Bewußtsein der Kirche in ihm (...) eine heilende Funktion. Dies hängt mit der Tatsache zusammen, daß Christus im Evangelium häufig gleichsam als Arzt erscheint und sein erlösendes Wirken von den frühesten christlichen Anfängen an oft als >heilende Medizin< bezeichnet wird. >Heilen will ich, nicht anklagen<, sagte der heilige Augustinus gerade mit Bezug auf die Bußpastoral; und es geschieht dank der Medizin der Beichte, daß die Erfahrung der Sünde nicht zur Verzweiflung führt,«11 sondern zu Frieden und Freude.

Wenn wir umkehren und neu beginnen, können wir immer mit der Unterstützung und Hilfe des Herrn rechnen. Er ist der Anführer unseres inneren Kampfes, und »ein Feldherr zieht einen Soldaten, der zuerst geflohen ist, dann aber umkehrt und den Feind beherzt bekämpft, demjenigen vor, der sich zwar niemals abgewendet, aber auch keine mutige Tat vollbracht hat«12. Nicht nur der heiligt sich, der niemals zu Fall kommt, sondern auch derjenige, der immer wieder aufsteht. Das Problem liegt nicht darin, daß wir schwach sind, sondern in der Resignation, die dazu führt, daß wir uns mit unseren Schwächen abfinden und nicht mehr kämpfen. Christus ist der Arzt, der uns heilt und uns im Kampfe stärkt.

III. Sollten wir einmal meinen, wir seien innerlich gebrochen und in eine ausweglose Situation geraten, kann uns das tröstliche Wort des Herrn wieder aufrichten: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Es gibt keine Krankheit, für die er nicht ein Heilmittel hätte. Und er ist stets ganz nahe bei uns, gerade dann, wenn die Schwere einer Sünde uns belastet. Nur eins ist dann nötig: rückhaltlos ehrlich zu sein.

Diese Erkenntnis kann uns auch in unserer Sorge um das Wohl der anderen zugute kommen; denn manchmal begegnen wir jemandem, dessen seelische Not kaum heilbar zu sein scheint. Und sie ist es doch. Getragen von unserem Gebet und unserem Opfer, erwartet der Herr dann von uns ein größeres Verständnis für die Not dieser Menschen.

»All deine Krankheiten werden geheilt werden« sagt der heilige Augustinus. »>Aber es sind ihrer viele< wirst du antworten. Doch der Arzt, der sie heilt, ist stärker als sie alle. Für den Allmächtigen gibt es keine unheilbaren Krankheiten; laß du ihn gewähren, daß er dich heilt, und gib dich ganz in seine Hand.«13

Welche Menschen gehen zu Jesus? Neben den einfachen Zuhörern solche, deren Not groß und ganz handgreiflich ist: Gelähmte, Blinde, Lahme ... Deshalb brennt in ihnen das Verlangen nach Heilung. Nur wer um die eigene Verwundung weiß, ersehnt Genesung. Hier hilft uns die persönliche Gewissenserforschung. Sie zeigt uns unsere Wunden.

Matthäus ließ an jenem Tage sein altes Leben hinter sich, um mit Christus zusammen ein neues zu beginnen. Betend kommentiert der heilige Ambrosius - der große Kirchenlehrer aus dem 4. Jahrhundert - diese Szene: »So wie er will auch ich, Herr, mein bisheriges Leben aufgeben und niemand anderem als dir folgen, denn du heilst meine Wunden. Wer vermöchte mir die Liebe zu Gott zu entreißen, die sich in dir offenbart? (...) Ich bin an den Glauben gebunden, mit Nägeln an ihn geheftet, und dies durch das heilige Band der Liebe. All deine Gebote mögen für mich wie ein Brandmal sein, das für immer an meinem Leib haftet (...); ja, die Medizin brennt in den Gliedern, aber sie merzt den Eiterherd aus. Reiß, Herr, die Fäulnis meiner Sünden aus mir heraus. Binde mich durch die Fesseln der Liebe und schneide alles Faule ab. Komm bald, und presse die vielen verborgenen und geheimen Leidenschaften aus mir heraus; brenne meine Wunden aus, damit die Erkrankung nicht den ganzen Körper erfaßt (...). Ich habe einen Arzt gefunden, der im Himmel wohnt, aber seine Medizin auf Erden gibt. Nur er kann meine Wunden schließen, denn er duldet nicht, daß ich leide; nur er vermag die Pein des Herzens zu lindern und die Angst der Seele, denn er kennt die verborgensten Dinge.«14

Viele Freunde des Matthäus, die bei dem Mahl mit Jesus zu Tisch saßen, werden von der freundlichen und verständnisvollen Art des Herrn angetan gewesen sein. Für manche von ihnen mag dies der Anstoß zu einer Neuausrichtung des Lebens, der Anfang einer Bekehrung zu Christus gewesen sein. Matthäus hatte die Freude der Nachfolge nicht für sich behalten. Er sorgte dafür, daß auch seine Freunde den Herrn kennenlernten. Das Gastmahl zur Ehre Jesu wurde so zum Zeichen des Dankes und zu einer Gelegenheit, sich zum erstenmal als Apostel, als Menschenfischer, zu versuchen.

1 Lk 5,27-32. - 2 Lk 5,31-32. - 3 Paul VI., Enz. Ecclesiam suam, 6.8.1964. - 4 Mk 10,18. - 5 Theresia von Avila, Rufe der Seele zu Gott, 8. - 6 vgl. Jes 61,1 ff.; Ez 34,16 ff. - 7 vgl. Lk 19,10. - 8 Jes 53,4 ff. - 9 J. Escrivá, Christus begegnen, 93. - 10 ebd. - 11 Johannes Paul II., Apost. Schreiben Reconciliatio et Paenitentia, 2.12.1984, 31,2. - 12 Gregor der Große, Homilien über die Evangelien, 4,4. - 13 Augustinus, Kommentar zum Psalm 102. - 14 Ambrosius von Mailand, Kommentar zum Lukasevangelium, 5,27.

von 15.02.2013 09:23

FASTENZEIT
FREITAG NACH ASCHERMITTWOCH

3

ZEIT DER BUSSE

Fasten und andere Bußübungen in der Verkündigung Jesu und im Leben der Kirche.
Der Kreuzweg stellt uns das heilige Menschsein des Herrn vor Augen.
Im Alltag finden wir die kleinen Abtötungen, die der Herr von uns erbittet. Erdulden und Tun. Auch die Phantasie, das Gedächtnis und der Verstand bedürfen der Läuterung.

I. Im Evangelium der heutigen Messe1 wird uns berichtet, wie die Jünger Johannes des Täufers Jesus fragten: Warum fasten deine Jünger nicht, während wir und die Pharisäer fasten?

Auch damals war Fasten Ausdruck von Bußgesinnung. »Im Alten Testament wird mehr und mehr die Bedeutung der Buße als eine religiöse und persönliche Übung erkannt, deren Ziel die Liebe und die Hingabe an Gott ist.= 2 Sie ist - zusammen mit dem Gebet - ein Zeugnis der Demut dem Herrn gegenüber3: man begibt sich ganz in Gottes Hände. Fasten und Buße begegnen uns in der Heiligen Schrift, wenn es darum geht, eine schwierige Aufgabe anzugehen4, Verzeihung für eine Schuldzu erflehen5, eine Notlage abzuwenden6, um Gnade für die Verrichtung einer Aufgabe zu bitten7 oder sich auf die Begegnung mit Gott vorzubereiten8.

Johannes der Täufer, der um die heiligende Wirkung des Fastens wußte, lehrte seine Jünger die Bedeutung und Notwendigkeit von Bußübungen. Darin stimmte er mit den frommen Pharisäern und Schriftgelehrten überein, die sich darüber wunderten, daß Jesus sie seinen Jüngern nicht abverlangte. Der Herr aber nimmt die Seinen in Schutz: Können denn die Hochzeitsgäste trauern, solange der Bräutigam bei ihnen ist?9 Dieser Bräutigam ist - in der Sprache der Propheten - Gott selbst, der seine Liebe zu den Menschen offenbart.10

Einmal mehr läßt uns Christus an dieser Stelle seine Göttlichkeit ahnen, indem er seine Jünger Freunde des Bräutigams nennt, seine Freunde. Solange sie bei ihm sind, ist das Fasten nicht nötig. Aber wenn ihnen dann der Bräutigam entrissen wird, werden auch sie fasten.

Der ganze Sinn der alttestamentlichen Bußpraxis »war nichts anderes als der Schatten, der ankündigte, was da kommen sollte. Die Buße - ein Erfordernis des inneren Lebens, dessen Bedeutung durch die religiöse Erfahrung der ganzen Menschheit bestätigt wird und die Gegenstand einer besonderen Vorschrift der göttlichen Offenbarung ist - erreicht in Christus und der Kirche eine ganz neue und entschieden breitere und tiefere Grundlage«11.

Die Kirche der Urzeit hielt an den Bußübungen im Geiste Jesu fest. Die Apostelgeschichte berichtet von kultischen Handlungen, die mit Fastenübungen einhergingen12. Und der heilige Paulus gibt sich nicht damit zufrieden, während seines unermüdlichen apostolischen Wirkens Hunger und Durst zu ertragen, wo es die Umstände verlangen; wiederholt unterzieht er sich einem selbstgewählten Fasten13. Die Kirche ist stets dieser Einstellung zur Buße treu geblieben. Sie hat Fasttage für bestimmte liturgische Zeiten festgelegt und empfiehlt die freiwillige Buße als fromme Übung zum geistlichen Fortschritt.

Allerdings ist das Fasten nur eine unter mehreren Formen der Buße. Die Askese des Leibes kennt viele andere Gestalten, die die innere Umkehr und die Hinwendung zu Gott erleichtern. Heute können wir uns fragen, wie es mit unserem Sinn für die Buße steht. Die Kirche leitet uns an, eine Haltung, die uns das gesamte Leben hindurch begleiten muß, besonders während der Fastenzeit zu pflegen.

II. Tut Buße: Jesus greift zu Beginn seines öffentlichen Auftretens den Ruf des Täufers auf. Die Apostel werden dann in den Anfängen der Kirche dasselbe fordern. Auch heute brauchen wir Christen die Buße. In ihr drückt sich die Sühne für die Sünden, eigene wie fremde, aus. Ohne sie blieben wir in der Gewalt der Sünde, von Jesus Christus getrennt. Wer der Buße aus Angst ausweicht oder sie als überflüssig erachtet, zeigt einen Mangel an Gespür für das Übernatürliche. »Angst vor der Buße? ... Vor der Buße, die dir hilft, das ewige Leben zu gewinnen? - Um jedoch das armselige gegenwärtige Leben zu erhalten, unterwerfen sich die Menschen den tausend Qualen eines blutigen chirurgischen Eingriffs.«14 Vor der Buße zurückschrecken hieße vom Streben nach Heiligkeit ablassen und vielleicht sogar das eigene Heil gefährden.

Der Wunsch nach Gleichförmigkeit mit Christus läßt uns »ja« sagen zu seiner Einladung, das Leiden mit ihm zu teilen. Die Fastenzeit stellt uns dieses Leiden vor Augen, sie vergegenwärtigt uns den ersten Karfreitag. Es kann hilfreich sein, gerade freitags den Kreuzweg zu beten: »Der Kreuzweg. - Das ist eine kraftvolle und starke Gebetsübung! Wolltest du dir doch angewöhnen, jeden Freitag die vierzehn Stationen des Leidens und Sterbens unseres Herrn durchzugehen. - Ich sage dir, du wirst Kraft für die ganze Woche gewinnen.«15

Im Kreuzweg betrachten wir Christus in seinem heiligsten Menschsein. In seinem Leiden verbindet sich das Leiden eines Menschen mit der Majestät Gottes. Wir sehen den zum Tode Verurteilten das Kreuz auf sich nehmen, wir sehen ihn unter der schweren Last zusammenbrechen, und uns geht dann die Last unserer Sünden auf - der Sünden aller Menschen. Dies kann unseren Willen zur Umkehr festigen: »Das Kreuz schneidet immer tiefer in die verwundete Schulter des Herrn. (...) Der entkräftete Leib Jesu schwankt schon unter der schweren Last des Kreuzes. Und sein Herz, dieses Herz voller Liebe, vermag kaum mehr die zerschundenen Glieder zu beleben. (...) Du und ich, wir können nichts sagen: aber wir begreifen jetzt, warum das Kreuz Jesu so schwer wiegt. Wir weinen über unsere Erbärmlichkeit und über die erschreckende Undankbarkeit des menschlichen Herzens. Aus tiefster Seele steigt ein Gebet echter Reue auf, das uns aus der Niedergeschlagenheit der Sünde befreit. Jesus ist gefallen, damit wir uns erheben: einmal und immer wieder.«16

Im Gebet erleben wir Christi Leiden, im Tun schließen wir uns durch freiwillige Buße seinem Sühnopfer an. Und wir erkennen dann, daß auch unser apostolischer Eifer tiefer wird. Denn der Herr gab sein Leben hin, um alle Menschen Gott näherzubringen.

III. Die Abtötungen, die Gott von uns erwartet, finden wir in der Regel im Alltag. Viele ergeben sich wie von selbst aus dem normalen Tagesablauf, angefangen beim Aufstehen, wenn es gilt, die Dumpfheit der frühen Stunde zu überwinden. Andere zeigen sich vielleicht, wenn es darum geht, eine Arbeit mit besonderer Sorgfalt auszuführen. Manchmal wird eine Geste der Freundlichkeit uns Überwindung kosten, weil wir müde sind. Auch die Mäßigung beim Essen und Trinken, der pflegliche Umgang mit den Dingen, die wir besitzen und benützen, oder die Zurückhaltung im Urteil können, als kleine Abtötungen angenommen, wie Spuren des Kreuzes Christi sein. Aber an erster Stelle gilt der Rat: »Wenn du wirklich eine sühnende Seele - eine sühnende und frohe Seele! - sein willst, mußt du vor allem die Zeiten deines täglichen Gebetes sicherstellen; die Zeiten für ein zutiefst vertrauensvolles, großherziges, ausdauerndes Beten! Bemühe dich darum, nicht nach Lust und Laune dein Gebet zu halten, sondern - wenn irgend möglich - zu dem vorgesehenen Zeitpunkt. Sei in diesen kleinen Details nicht nachlässig! - Mach dich geradezu zum >Sklaven< dieser täglichen Aussprache mit Gott - und ich versichere dir: niemals wird dir die Freude fehlen!«17

Neben den passiven Abtötungen, die sich uns anbieten, ohne daß wir nach ihnen gesucht hätten, gibt es Formen der Überwindung, die wir aktive Abtötungen nennen können. Wir suchen sie aus eigener Initiative, weil wir erkennen, daß die Abtötung eine notwendige asketische Übung ist, die uns innerlich freier macht. Gerade im Denken und Fühlen müssen wir uns nicht selten gegen den Ansturm unsinniger Bilder und Gedanken wehren. Deswegen ist das Gespür für Askese - die Abtötung konkretisiert es - gerade für die innere Reifung und für die Läuterung des Herzens so wichtig. Die Abtötung der Phantasie läßt uns die wild wuchernde Vorstellungskraft zähmen und statt eitler Selbstbespiegelung die Zwiesprache mit Gott suchen. Dann wird es uns leichter bewußt, daß der Herr in unsere Seele Einkehr hält, wenn wir in seiner Gnade leben. Sich aufdrängende innere Vorstellungen über Erfolge oder Mißerfolge werden relativiert, uns ist es dann nicht mehr so wichtig, ob wir in dieser oder jener Situation eine schlechte Figur abgegeben haben oder ob die - wahrscheinlich harmlose - Bemerkung eines Bekannten beleidigend war. Stolz und Eigenliebe, die mit der Zeit jede Kleinigkeit aufbauschen, werden in ihre Schranken gewiesen, der innere Frieden kann sich wieder einstellen. Die Abtötung des Gedächtnisses schützt uns vor überflüssigen Erinnerungen, die oft nur Zeitverlust sind18 und lästige Versuchungen mit sich bringen können. Die Abtötung eines ausufernden Verstandes schließlich hilft uns, aufmerksam an dem zu arbeiten, was nicht aufgeschoben werden kann. Wir konzentrieren uns auf die Aufgaben, die im gegebenen Augenblick wichtig sind19, und können so der Pflicht oder der Nächstenliebe gegenüber den eigenen Launen den Vorrang geben.

Die betende Vergegenwärtigung des leidenden Christus durch den Kreuzweg und die Erfahrung des Kreuzes im eigenen Leben - Tag für Tag und meistens in Kleinigkeiten - werden in uns den Entschluß festigen, auch dann Weggenossen Christi zu bleiben, wenn er - der Kreuztragende - uns sein Kreuz anbietet.

1 Mt 9,14-15. - 2 Paul VI., Konst. Paenitemini, 17.2.1966. - 3 vgl. Lev 16,29-31. - 4 vgl. Ri 20,26; Est 4,16. - 5 1 Kön 21,27. - 6 Jdt 4,9-13. - 7 Apg 13,2. - 8 Ex 34,28; Dan 9,3. - 9 Mt 9,15. - 10 vgl. Jes 54,5. - 11 Paul VI., Konst. Paenitemini, 17.2.1966. - 12 vgl. Apg 13,2 ff. - 13 vgl. 2 Kor 6,5; 11,27. - 14 J. Escrivá, Der Weg, Nr. 224. - 15 ebd., Nr. 556. - 16 J. Escrivá, Der Kreuzweg, III. - 17 ders., Die Spur des Sämanns, Nr. 994. - 18 vgl. ders., Der Weg, Nr. 13. - 19 vgl. ebd., Nr. 815.



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von 14.02.2013 22:27

FASTENZEIT
DONNERSTAG NACH ASCHERMITTWOCH

2

DAS TÄGLICHE KREUZ


Es kann kein Christentum ohne Kreuz geben. Das Kreuz des Herrn ist Quelle des Friedens und der Freude.
Das Kreuz in den kleinen Dingen des Alltags.
Mittragen des Kreuzes: alltägliche Widrigkeiten erhalten eine neue Dimension. Kleine Abtötungen.

I. Am Beginn der Fastenzeit erinnert uns das Evangelium in der heutigen Messe daran, daß, wer Jesus nachfolgen will, auf das Kreuz stoßen wird: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.1

Der Herr wendet sich an alle, wenn er vom täglichen Kreuz spricht. Seine Worte haben nichts an Aktualität verloren. Sie richten sich an alle Menschen, die ihm nachfolgen wollen. Es gibt kein Christentum ohne Kreuz, kein Christentum für Laue und Opferscheue. Der Herr nennt unmißverständlich die Voraussetzung für die Nachfolge : Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein2. Deshalb ist das Nein zum Kreuz - zu den kleinen Opfern und zu all dem, was Entsagung bedeutet - ein Anzeichen dafür, daß die Seele beginnt, lau und gleichgültig zu werden.

Ohne Kreuz keine Heiligung und auch keine Freude. Und umgekehrt: die durch das Kreuz geläuterte Seele erlangt im Umgang mit Gott und mit den Menschen Freude und Frieden, selbst inmitten äußerer Wirrnisse und Schwierigkeiten. Wer sich aber dem Opfer in der Gestalt der Entsagung, der Abtötung, verschließt, gerät in die Fallstricke der Triebhaftigkeit und wird unfähig zu einem Denken und Empfinden, das auf Gott ausgerichtet ist.

Deswegen gibt es ohne die Bereitschaft zu Opfer und Abtötung kein Wachsen des spirituellen Lebens. Nach dem heiligen Johannes vom Kreuz gibt es nur wenige, die zu einer innigen Gemeinschaft mit Gott gelangen, weil viele nicht bereit sind, »größere Entbehrungen und Abtötungen«3 auf sich zu nehmen. »Und wenn jemand Christus wirklich besitzen will« fügt der Heilige hinzu, »möge er ihn niemals suchen ohne das Kreuz.«4

Wir sollten daher nie vergessen, daß die Abtötung - da sie uns mit dem Kreuz Christi in Berührung bringt - eng verbunden ist mit der Freude. Das nämlich ist das große Paradox der christlichen Abtötung: Eigentlich müßten konsequente Christen, die ja nicht nur das Leid hinnehmen, sondern sogar nach Gelegenheiten suchen, Opfer zu bringen, zu den traurigsten Wesen der Welt gehören. Aber so ist es ja nicht; denn Abtötung macht nur dann traurig, wenn die Eigensucht überwiegt und es so an Hingabe und Liebe zu Gott fehlt. Opferbereitschaft hingegen bringt Freude, selbst mitten im Schmerz, bringt das Glück, Gott im Erfüllen seines Willens herzlich zu lieben. Es ist die Erfahrung des Paulus: uns wird Leid zugefügt, und doch sind wir jederzeit fröhlich.5

II. »Täglich das Kreuz. Nulla dies sine cruce!, kein Tag ohne Kreuz; kein Tag, an dem wir nicht das Kreuz des Herrn tragen, an dem wir nicht sein Joch auf uns nehmen ... Der Weg unserer persönlichen Heiligung führt Tag für Tag über das Kreuz. Doch trostlos ist dieser Weg nicht, denn Christus selbst hilft uns, und bei ihm kann es keine Traurigkeit geben. In laetitia, nulla dies sine cruce! pflege ich oft zu sagen: die Seele von Freude durchdrungen, keinen Tag ohne Kreuz.«6

Das Kreuz des Herrn, das wir jeden Tag auf uns zu nehmen haben, dürfen wir nicht verwechseln mit den »Kreuzen« die wir uns mit unserer Selbstsucht, mit unserem Neid oder mit unserer Trägheit selbst schaffen. Das ist nicht das Kreuz Christi, sondern die Last des alten Menschen in uns. Weil es nicht auf den Herrn gerichtet ist, führt es nicht zur Heiligkeit.»Manchmal werden wir das Kreuz in einer großen Not finden, in einer schweren und schmerzhaften Krankheit, in einem finanziellen Engpaß, im Tod eines geliebten Menschen: »Vergeßt eines nicht: bei Jesus sein heißt auch mit Sicherheit seinem Kreuz begegnen. Wenn wir uns in die Hand Gottes geben, läßt er es häufig zu, daß wir den Schmerz spüren, Einsamkeit, Widrigkeiten, Verleumdungen, üble Nachrede, Spott, von innen und von außen; denn er möchte uns nach seinem Bild und Gleichnis gestalten, und so erlaubt er auch, daß man uns für verrückt hält und Narren nennt. Das ist die Stunde der passiven Abtötung, die manchmal versteckt, bisweilen auch offen und sogar herausfordernd auf uns zukommt, gerade wenn wir es nicht erwarten«7.

In der Kraft des Herrn werden wir das Kreuz, das er uns schickt, aufrecht zu tragen vermögen. Denn mit dem Kreuz gibt er uns auch seine überreiche Gnade. Sie läßt uns erfahren, daß Gott seinen Freunden immer wieder und auf vielfältige Weise Segen spendet und daß er sie zu Mitträgern seines Kreuzes - gleichsam zu Miterlösern unter ihm - machen will.

Für gewöhnlich jedoch werden wir unserem täglichen Kreuz in kleinen Widrigkeiten begegnen, wie sie bei der Arbeit oder im Zusammenleben auftreten: in unvorhergesehenen Ereignissen, im schwierigen Charakter eines Mitarbeiters, in der Hektik einer kurzfristigen Änderung unserer Pläne, in Störungen und Unannehmlichkeiten wie Hitze, Kälte oder Lärm, im mangelnden Verständnis für unsere Absichten, in einer Unpäßlichkeit ...

Wir können solche alltäglichen Beschwerlichkeiten großherzig und mutig ertragen, gleichsam als Gegengabe für den Herrn - und ohne Klagen; denn wer klagt, gibt zu erkennen, daß er eigentlich das Kreuz zurückweist. Durch die bereitwillige Annahme der Widerwärtigkeiten werden Bußfertigkeit, Geduld, Nächstenliebe, Verständnis und andere Tugenden gefördert, wir kommen Gott näher. Nehmen wir sie aber nur widerwillig an, dann werden sie zum Anlaß für Empörung, Ungeduld und Mutlosigkeit. Für viele Menschen endet der Tag dann freudlos, nicht weil ihnen ein großes Unglück widerfahren wäre, sondern weil sie es nicht verstanden haben, die Ermüdung bei der Arbeit und die kleinen Schwierigkeiten, die den Tag über aufgetreten sind, zu heiligen. Das Kreuz - sei es nun groß oder klein -, das man angenommen hat, spendet Frieden und Freude inmitten des Schmerzes, es ist wie ein Angeld auf das ewige Leben. Das Kreuz hingegen, das man zurückgewiesen hat, verbreitet in der Seele Enttäuschung oder heimlichen Groll, die als Traurigkeit und Unmut nach außen dringen. »Das Kreuz auf sich zu nehmen ist etwas großes, sehr großes ... Es bedeutet, das Leben mit Mut, ohne Schwäche und Erbärmlichkeit zu gestalten; bedeutet, die in unserem Dasein unausbleiblichen Schwierigkeiten in moralische Kraft umzuwandeln, bedeutet, den menschlichen Schmerz zu begreifen, bedeutet schließlich, wahrhaft lieben zu können.«8 Wer als Christ durch die Welt geht und dabei versucht, jedem Opfer auszuweichen, kann Gott nicht finden.

III. Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst ... Es genügt nicht, daß wir nur das Kreuz annehmen, das uns - nicht selten unerwartet - begegnet. Um die Gesinnung der Buße wachzuhalten, werden wir auch von uns aus kleine Abtötungen suchen. Dabei ist es für den inneren Fortschritt von großem Nutzen, sich ganz konkret einige vorzunehmen, die man regelmäßig verrichten kann.

Diese Opfer aus Liebe zu Gott sind von großem Wert, sozusagen ein Kraut gegen Trägheit, Selbstsucht oder Hochmut, die stets auf der Lauer liegen. Die einen werden uns helfen, geordnet und konzentriert zu arbeiten und unser Arbeitsgerät pfleglich zu behandeln. Die anderen werden uns dazu befähigen, verständnisvoller Menschen zu begegnen, mit denen wir es tagtäglich zu tun haben: mit einem Lächeln, das Überwindung kostet, einer Geste der Anteilnahme für die Arbeit eines Kollegen, einem freundlichen Wort oder einer kleinen Hilfeleistung, und nicht zuletzt mit dem Bestreben, die eigene schlechte Laune für sich zu behalten und nicht an anderen auszulassen. Andere Abtötungen wiederum dienen dazu, die Trägheit zu überwinden, die Neugier zu zähmen oder die inneren und äußeren Sinne zu beherrschen. Es ist durchaus nicht nötig, daß es sich hierbei um große Dinge handelt, es kommt nur darauf an, daß man sich angewöhnt, sie regelmäßig und aus Liebe zu Gott zu tun.

Jeder neigt instinktiv dazu, Anstrengungen aus dem Weg zu gehen. Deswegen ist es nötig, wachsam zu bleiben, damit es nicht nur bei guten Absichten bleibt. Gelegentlich wird es hilfreich sein, sich festzulegen, etwa indem man die beabsichtigten kleinen Opfer schriftlich festhält und sie bei der abendlichen Gewissenserforschung überprüft. Dabei werden wir bedenken, daß der Herr jene Abtötungen besonders schätzt, die sich auf die Nächstenliebe, auf den apostolischen Eifer und auf die treuliche Erfüllung unserer Pflichten beziehen.

Am Ende unserer Betrachtung vor dem Herrn wollen wir ihm sagen, daß wir bereit sind, ihm nachzufolgen - das Kreuz auf uns zu nehmen, heute und Tag für Tag.

1 Lk 9,23. - 2 Lk 14,27. - 3 Johannes vom Kreuz, Lebendige Liebesflamme, 2,7. - 4 ders., Brief an Juan von Santa Ana, 23. - 5 2 Kor 6,10. - 6 J. Escrivá, Christus begegnen, 176. - 7 ders., Freunde Gottes, 301. - 8 Paul VI., Ansprache, 24.3.1967.

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